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Henry David Thoreau: Briefe an einen spirituellen Sucher : Homer zu lesen schadet auch in der Waldeinsamkeit nicht

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Bild: Turia + Kant

Das Naturerlebnis und manche Lesefrucht als Heilmittel gegen absehbare Zivilisationsermüdungen: Henry David Thoreaus Briefe an einen Jünger in deutscher Übersetzung.

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          Henry David Thoreau (1817 bis 1862) zählt zu den renommiertesten amerikanischen Intellektuellen. Sein staats- und zivilisationskritisches Anliegen, das sich dem Transzendentalismus, dem amerikanischen Gegenstück zur europäischen Romantik, verdankte, hat Generationen bis hin zu Mahatma Gandhi, den Hippies und Martin Luther King beeinflusst.

          Der 2006 verstorbene Thoreau-Kenner Bradley P. Dean hatte es noch kurz vor seinem Tod unternommen, die Briefe Thoreaus an seinen Anhänger Harrison Gray Otis Blake herauszugeben, von denen bereits im neunzehnten Jahrhundert Ralph Waldo Emerson eine Ausgabe besorgt hatte. Diese Briefe, die nicht nur an Blake, sondern an einen ganzen esoterischen Kreis von Thoreau-Adepten gerichtet waren, sind nun dankenswerterweise in einer weithin gut lesbaren, nur stellenweise etwas absonderlichen Übersetzung - wie soll man Free Soiler ins Deutsche übertragen? - vorgelegt worden. Sie zeigen einen mitunter ruppig-lehrhaften, zu arrogantem Pathos neigenden, stets aber zutiefst nachdenklichen Intellektuellen.

          Reichhaltiges Bildungswissen und mehr

          Thoreau war trotz seiner zeitweiligen Abkehr von der Zivilisation, wenn man den Aufenthalt am Lake Walden tatsächlich so nennen darf, gut über Politik und Gesellschaft der Vereinigten Staaten und der europäischen Mächte informiert und nahm an der Debatte über die Sklaverei oder selbst jene über den Krimkrieg intensiv Anteil. Sogar militärtaktische Fragen, wie die Einführung des Minié-Gewehrs, konnten ihn - wie Karl Marx und Friedrich Engels auch - bewegen. Vor allem aber zeigen die Briefe einen redlich suchenden, reflektierten Intellektuellen in einer Zeit radikaler Umbrüche.

          Frühindustrialisierung, Kapitalismus und Lohnarbeit, der aufkommende Nationalstaat und seine überdimensionierten Machtinstrumente, Massenpresse und Massenmedien, der Verlust an Individualität, der Niedergang traditionaler Religiosität, all dies findet neben alltäglichen Banalitäten in der Korrespondenz seinen Niederschlag. Thoreau glänzt mit reichhaltigem Bildungswissen, Zitaten aus der Bibel, indianischem und indischem Wissen, der Lektüre der britischen aufgeklärten und skeptischen Philosophen, aber im Zentrum steht für ihn etwas ganz anderes - die Natur.

          Empfehlung mit Abstrichen

          In einer Welt des Verlustes an metaphysischer Vernunft und religiöser Sinngebung wendet er sich der Ästhetik des unmittelbaren, individuellen Naturerlebens zu, das alleine noch der suchenden, sehnsuchtsvollen Seele Erquickung suggeriert. Wie tragfähig dieser pseudoreligiöse Kult des Naturhaften ist, dieser Frage entzieht Thoreau sich gleichwohl in den vorliegenden Briefen.

          Wer immer sich mit dieser Epoche des frühmodernen Wandels und seinen vielfältigen Suchbewegungen nach Sein und Sinn näher beschäftigen möchte, wird um den Transzendentalismus und Thoreau nicht herumkommen. Solchen Lesern sei diese Briefsammlung dringend empfohlen, obwohl ihr ein Personenregister und vor allem eine umfangreiche Einleitung in die Zeitumstände gutgetan hätten. Abgesehen vom Bürgerkrieg, ist das amerikanische neunzehnte Jahrhundert doch für viele deutsche Leser Terra incognita. Immerhin entschädigt ein ausführlicher Fußnotenapparat, der die wichtigsten Personen und Umstände sachgerecht erschließt.

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