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Henri Bergson: Schöpferische Evolution : Zuinnerst sind wir reine Zeit

  • -Aktualisiert am

Bild: Felix Meiner Verlag

Ein Philosoph, der unglücklicherweise auch den Literatur-Nobelpreis bekam: Henri Bergsons „L’évolution créatrice“ in einer exzellenten neuen Übersetzung.

          4 Min.

          Drei Dinge sind es, mit denen gründlich aufgeräumt zu haben die Philosophie sich seit langem sicher wähnt. Dass es etwas Gegebenes gäbe, ist ein alteuropäischer Mythos; die unmittelbare Präsenz der „Sachen selbst“ ist eine Illusion sprachvergessener Hinterwäldler; das reine Bewusstsein haust bloß als Gespenst in einer Maschine. Wollte man sich, aus Trotz, ein philosophisches Buch von größter Sperrigkeit ausdenken, so müsste man alle drei Nichtigkeiten in dem Titel bündeln: „Über die unmittelbaren Gegebenheiten des Bewusstseins“. Für die Erwachsenen wäre es ein Märchenbuch, das staunenden Kindern von Dingen erzählt, die es nicht gibt. Just dieses Buch hat Henri Bergson geschrieben, allerdings schon im Jahre 1888. Sein „Essai sur les données immédiates de la conscience“ ist 1911 auch auf Deutsch erschienen. Dann freilich unter dem Titel „Zeit und Freiheit“.

          Buchtitel sind Theoriewappen. „Zeit und Freiheit“ ist vom französischen Original ganz weit weg. Der Sache nach aber ist dieser deutsche Titel sehr genau, und er lässt erkennen, dass dieses frühe Werk Bergsons bereits den gedanklichen Grundriss enthält für „L’évolution créatrice“ von 1907, das nun als „Schöpferische Evolution“ in neuer deutscher Übersetzung vorliegt. Bleiben wir zunächst bei dem vermeintlichen Mythen- und Märchenbuch aus dem 19. Jahrhundert. Es geht um das rechte Verständnis der Zeit und deren Bedeutung für das Verständnis von Freiheit. Die wahre Zeit ist für Bergson die lebendige Zeit des bewegten Bewusstseins. Die äußere Zeit hingegen ist von Raumvorstellungen durchformt. In ihr gibt es Zeitpunkte und Zeitstrecken, die wir zählen und messen können. Diese Zeit bildet zusammen mit dem Raum die Welt der objektiven Ursachen und Wirkungen, in der sich berechnen lässt, was kommen wird, auch die Welt der praktischen Mittel und Zwecke, in der vieles sich wiederholt und Routine sich ausbildet. Für den versierten Umgang mit dem, was uns umgibt, sind Intellekt und Sprache die geeigneten Instrumente - aber auch nur dafür.

          Leben, einzeln und in seiner Gesamtheit

          Aber was ist mit uns selbst? Wir sind - neben allem, was wir wissen und können - zuinnerst reine Zeit. Was ist sie? Als reine ist sie bar aller Räumlichkeit, und deshalb ist sie dem Intellekt nicht fassbar, für ihn und uns verloren. Grundfalsch, sie sich als Linie vorzustellen. Sie ist weder eines noch vieles, hat keine Teile und bildet kein Ganzes, kennt keine Ursachen und keine Wirkungen. In ihr und durch sie ist alles immer neu und einmalig. Freiheit ist die der inneren Zeit eigene Bewegtheit, die inkommensurabel ist mit dem, was in der äußeren Raum-Zeit-Welt geschieht. Sich auf diese objektive Welt zu beziehen macht Determinismus und Indeterminismus gleichermaßen zu Theorien, die das Thema Freiheit verfehlen müssen.

          All diese Überlegungen nimmt Bergson in seine neue „Schöpferischen Evolution“ mit hinein, gibt ihnen aber zusätzlich eine Wendung ins Universale. Aus „Zeit und Freiheit“ im Kleinen wird nun im Großen „Evolution und Schöpfung“. Der Storchenschnabel für diese Ausweitung ist Ernst Haeckels biogenetisches Grundgesetz: Die Entwicklung des individuellen Organismus gilt als eine kurze Rekapitulation der Stammesentwicklung. Und August Weismanns Konzept der „Kontinuität des Keimplasmas“ integriert alles Leben in einen Lebenszusammenhang. Evolution läuft für Bergson nicht nach dem mechanischen Schema von Mutation und Selektion. Vielmehr ist es ein und dieselbe Dynamik der reinen Zeit, die mein Leben, unser Leben und das Leben insgesamt trägt und immer neues, nie dagewesenes und unausdenkbares Leben hervorbringt. Natürlich holt sich Bergson mit dem Leben im Großformat auch das seit Spinoza, ja seit Plotin bekannte Folgeproblem ins Haus, wie sich denn nun das einzelne Leben im Gesamtleben und aus ihm heraus individuiert.

          Das Unsagbare in Worte fassen

          Also noch ein Mythen- und Märchenbuch? Beileibe nicht. Bergson ist ein sorgfältig und genau argumentierender Philosoph. Aber er führt die Argumentation auch zu den Stellen hin, an denen zu merken ist, dass es, wenn überhaupt, dann nur anders weitergehen kann. Was reine Zeit ist, kann unser weltläufiger Intellekt nicht begreifen, und wenn er es könnte, hätten wir keine Sprache, es auszudrücken und mitzuteilen. Doch philosophische Einsichten sind eben nicht allein im Austausch von Argumenten zu erlangen. Meditation und Kontemplation, Intuition und Interpretation - auch alter Mythen und Märchen - sind nicht minder sinnvolle Weisen des Philosophierens. Wo jedoch die versierte Begriffsanalyse selbstsicher voranschreitet und das routinierte Diskussionsgeschäft blüht, stößt ein Denker wie Bergson unausweichlich auf das, was Jürgen Habermas einst „das methodisch geübte Kannitverstan“ genannt hat.

          Obgleich unsere normale Sprache auf welthafte Objekte zugeschnitten ist, kommen uns, so von Zeit und Leben und Kreativität die Rede sein soll, literarische Formen des Sprechens zu Hilfe. Auch für sie gibt es Maßstäbe, die uns Angemessenheit von Sachferne, Aufschlusskraft von Irreführung unterscheiden lassen. Bergson war ein Meister in der schwierigen Kunst, mit solchen Mitteln über das, worüber man nicht reden kann, dennoch nicht zu schweigen. Dann hatte er jedoch das Pech, für seine eindringliche Suche nach der verlorenen Zeit 1927 den Nobelpreis für Literatur zu erhalten. Besser kann der Ruf eines Philosophen nicht ruiniert werden.

          Ein neuer Gott?

          Die Übersetzung des Buches wird seinem literarischen Rang gerecht; sie ist geradezu liebevoll. Margarethe Drewsen mag ihren Autor und führt mit zurückhaltender Eleganz den Leser so, wie Bergson ihn geführt wissen will. Verlag und Übersetzerin haben überdies gut daran getan, den deutschen Titel von 1912 „Schöpferische Entwicklung“ durch „Schöpferische Evolution“ zu ersetzen. „Entwicklung“ kann eben auch die Übersetzung von développement sein.

          Eine solche Entfaltung oder Auswickelung von implizit schon Vorgegebenem ist aber nicht nur nicht gemeint, sondern gerade das Gegenteil dessen, was Bergson der Evolution zutraut: immer gänzlich Neues hervorzubringen. Hätte man aber des Guten nicht noch mehr tun können? Bergsons Titel „L’évolution créatrice“ muss nicht, kann aber und sollte wohl auch wortwörtlich gelesen werden: „Die Evolution Schöpferin“. Es gibt die Evolution, und sie ist die Schöpferin von allem. Das ist die These des Buches. Bergson hat eigens darauf geachtet, dass auf dem Titelblatt und selbst auf dem Buchrücken das CRÉATRICE doppelt so groß gesetzt wird wie das scheinbar wichtigere „L’évolution“. Die Créatrice aber ist die Rivalin des Créateur. Weshalb also nicht „Die Schöpferin Evolution“?

          Im Vatikan gab es kluge Köpfe, die genau gesehen haben, was da los ist. Sie setzten das Werk 1914 auf den Index der verbotenen Bücher. Denn es ist die Bestätigung der ehemals schlimmsten theologischen Befürchtungen. Dass die Evolutionstheorie des Teufels ist, wusste man schon; jetzt aber, wo die Evolution selbst sich dreist an die Stelle des Schöpfergottes setzt, wurde das vollends offenkundig.Veni Creator Spiritus, „Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein!“, kann nicht mehr gesungen werden, wenn er längst da ist - und wir selbst es sind. Da zudem das grammatische Geschlecht der Evolution die Schöpferin fordert, könnte der Titel bereits vor hundert Jahren an ein Thema gerührt haben, das wir heute mit dem feministischen Uralt-Spruch verbinden: „Als Gott den Mann schuf, übte sie nur.“ Es ist nicht einmal auszuschließen, dass auch damals schon in Paris gedacht wurde: „Warum denn nicht?“ in Rom aber: „Auch das noch!“

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