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Henning Ritter: Notizhefte : Weglassen, verschweigen und keinesfalls eine Debatte führen

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Bild: Berlin Verlag

Nach dem Humanismus ist vor dem Humanismus: Henning Ritter hat für den öffentlichen Freundeskreis seine „Notizhefte“ herausgegeben - ein Generationenporträt im Selbstversuch.

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          Manche Bücher machen unwillkürlich schmunzeln, und häufig sind es Nebensächlichkeiten, die Sympathie wecken. Mit Henning Ritters „Notizheften“ verhält es sich ebenso. Diese seien nicht für die Veröffentlichung gedacht gewesen, bemerkt der Autor. Doch „verlockten Stetigkeit und Abwechslungsreichtum der Notizen, sie Freunden zugänglich zu machen, die zu einer Veröffentlichung rieten“. Geschickt wirbt Ritter um das Wohlwollen des Lesers. Ritter bezieht ihn in eine quasi intime Kommunikation ein, indem er seine Freunde anruft. Diese Art und Weise der Kommunikation gewährleistet Aufrichtigkeit. Außerdem immunisiert sie gegen Kritik: Was bloß für private Zwecke festgehalten und auf Geheiß Dritter veröffentlicht wurde, lässt sich strenggenommen nicht beurteilen.

          Mit seiner rhetorischen Bitte gibt Ritter Gehalt, Ton und Stil seines Buches vor - indem er es in humanistischer Tradition zum Gegenstand der eigenen Reflexionen macht. Seine Notizen kreisen folglich nicht nur um Geistesgeschichtliches, Kulturelles, Politisches, Wissenschaftliches und Literarisches, sondern auch um die Frage, wie sich angemessen darüber schreiben lässt. Was Ritter lapidar „Notizen“ nennt, umfasst Aphorismen, Maximen, Sentenzen und kurze Essays. Seine gesammelten Hefte reihen sich gleich in mehrere Literaturgeschichten ein: unter anderem in diejenige der französischen Moralistik und in diejenige der kaufmännischen „waste books“, die dazu dienten, tägliche Einkäufe, Ausgaben und Verdienste zu verzeichnen. Am Ende der weitverzweigten Kette von Traditionen und Traditionsbrüchen der Kurzprosa stehen Paul Valérys berühmte „Cahiers“, thematisch geordnete und sachlich gehaltvolle Sammlungen von Notizen.

          „Was kümmert mich die Gegenwart?“

          Klein- und Kurzformen wie diese sind in Deutschland, wo man systembildendes Denken und Schreiben schätzte, seit jeher wenig populär gewesen. Ritters Notizen bedienen sich sowohl moralistischer als auch nietzscheanischer Wahrnehmungs- und Darstellungstechniken: Einerseits zielt Ritter auf Leichtigkeit und Witz wie im Fall des von dem englischen Dichter Charles Lamb aufgeschnappten Zitats: „Was kümmert mich die Gegenwart? Ich schreibe für die Antike.“ Andererseits steht schwere Kost auf dem Programm wie bei den zahlreichen Eintragungen zu Genese, Entwicklung und Bedeutung der Französischen Revolution.

          Ritters Notizen bieten - mit Montesquieu - „Einfälle“. Sie wurden aus Zeitnot in der vorliegenden Form festgehalten, um nicht gänzlich dem Vergessen anheimzufallen. Ihre Epistemologie beruht auf dem Vertrauen in die zufällige Einsicht, etwa durch Funde, Begegnungen, Lektüren. Doch steht dabei weniger das Sammeln solcher Einsichten im Mittelpunkt als vielmehr die skeptische Selbstvergewisserung im Angesicht der eigenen kognitiven Überlastung und der Vergänglichkeit der Ereignisse. Mittel zu dieser Selbstvergewisserung ist die Sprache. Wenn es glückt, das passende Wort zu finden, erlangt eine Notiz ihre eigene Überzeugungskraft. Auf diese Weise befördert sie historisches Verstehen; durch ihre „profane Wortgläubigkeit“ wirkt sie wie eine säkularisierte Religion.

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