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Taktgefühl bei Tieren : Seelöwen haben mehr Rhythmus im Blut als Wellensittiche

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Ein Youtube-Star: Der Kakadu Snowball „tanzt“ synchron zu einer ganzen Reihe von Popmusik-Hits. Bild: dpa

Wir Menschen nennen es Musik: Henkjan Honing zeigt mit seinem Buch, dass die Suche nach den Ursprüngen des Taktgefühls im Tierreich für Überraschungen gut ist.

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          Am Ende ist es dann doch kein Affe, der den Takt schlägt, sondern die Seelöwin Ronan, die ihren Kopf mit erstaunlicher Präzision und offenkundiger Begeisterung im Rhythmus von Musik bewegt. Man kann sich auf Youtube selbst davon überzeugen. Damit scheint freilich auch die zweite Theorie zur Entstehung von Taktgefühl widerlegt, deren Überprüfung die vielen eigenen und fremden Studien gewidmet sind, von denen der niederländische Musik-Kognitionsforscher Henkjan Honing in diesem Buch berichtet: Eine Theorie, die in der Fähigkeit zu vokalem Lernen, wie sie etwa Menschen, Papageien und Elefanten, nicht aber Seelöwen besitzen, die Voraussetzung für die Wahrnehmung und Reproduktion regelmäßiger Rhythmen sieht.

          Honing ist seit rund zehn Jahren ein engagierter Anführer einer fächerübergreifenden Forschungsrichtung, die die alte Frage nach dem Ursprung der Musik nicht durch zwar faszinierende, aber letztlich unüberprüfbare Spekulationen zu beantworten sucht. Stattdessen rückt hier die Musikalität in den Blick als ein Bündel von anatomisch und kognitiv verankerten Fähigkeiten, die zusammen das ermöglichen, was wir Menschen Musik nennen. Zu den Elementen der Musikalität zählen etwa vokales Lernen, das relative Gehör oder das Taktgefühl. Und um das Taktgefühl und darum, welche Tierarten über es verfügen, wie alt es entwicklungsgeschichtlich sein könnte und wozu es dient, geht es in diesem Buch.

          Herzschlag und Taktgefühl

          Das Taktgefühl interessiert Honing schon lange. 2009 hatte er in einer aufsehenerregenden Studie nachgewiesen, dass schon wenige Tage alte Säuglinge darüber verfügen. Genauer: dass ihr Elektroenzephalogramm (EEG) die typische Reaktion auf eine Erwartungsverletzung zeigt, wenn in Rhythmen ein Schlag auf einer schweren Taktzeit, also der Downbeat, ausgelassen wird.

          Hier beginnt die Geschichte des Buches, das voller Begeisterung für seinen Gegenstand, mit einem gehörigen Sinn für Spannung und immer voll Empathie für die Versuchstiere von Laborbesuchen in aller Welt, kniffligen Versuchsanordnungen und Gelehrtenwetten um eine Flasche guten Rotweins berichtet.

          Henkjan Honing: „Der Affe schlägt den Takt“. Musikalität bei Tier und Mensch. Eine Spurensuche. 
Henschel Verlag, Leipzig 2019. 
208 S., Abb., br., 24,– €.
          Henkjan Honing: „Der Affe schlägt den Takt“. Musikalität bei Tier und Mensch. Eine Spurensuche. Henschel Verlag, Leipzig 2019. 208 S., Abb., br., 24,– €. : Bild: Henschel Verlag

          Darwin ist auch für Honing noch immer eine Autorität. Daher folgte er zunächst dessen Intuition, dass zumindest alle die Tiere, die durch Herzschlag und regelmäßige Fortbewegung über eine leibliche Erfahrung regelmäßiger Rhythmen verfügen, auch Taktgefühl zeigen müssten. Honing beginnt bei den nächsten Verwandten des Menschen, den Affen: Dass sie keine guten Trommler sind, weiß die Biologie. Auch in Verhaltensstudien war es nicht möglich, Rhesusaffen, Japanmakaken oder Schimpansen beizubringen, sich mit einem regelmäßigen Beat so zu synchronisieren, wie wir Menschen das tun würden: nämlich nicht in Form bloßer Reaktionen, also immer etwas zu spät, sondern in der Antizipation des nächsten Schlags sogar ein wenig zu früh. Aber vielleicht können sie regelmäßige Beats ja wenigstens wahrnehmen? Eine Wiederholung des Baby-Experiments mit Rhesusaffen im Labor des mexikanischen Forschers Hugo Merchant brachte keine Ergebnisse. Das Affenhirn registrierte zwar ausgelassene Schläge, unterschied dabei aber nicht zwischen Downbeat und Upbeat.

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