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Helmut Schmidt und Peer Steinbrück: Zug um Zug : Reisen Sie eigentlich genug, Peer?

Bild: Verlag

Der Kanzlerkandidat des Altkanzlers zeigt, was in ihm steckt: Der Gesprächsband von Helmut Schmidt und Peer Steinbrück dokumentiert eine Begegnung in gebremster Lockerheit.

          5 Min.

          Ob Peer Steinbrück ein Urteil abgeben könne über Heideggers Buch „Sein und Zeit“? „Nein, kann ich nicht“, antwortet Steinbrück. Helmut Schmidt baut eine Brücke: Aber sicher könne er, Steinbrück, doch etwas zu Karl Popper sagen? Steinbrück verweist darauf, Ende der sechziger Jahre Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ gelesen zu haben. Hier möchte Schmidt tiefer einsteigen, er examiniert mit einer Demutsgeste: „Was ich bei ihm nicht begriffen habe, ist die Falsifikationstheorie. Die hat mir nicht wirklich eingeleuchtet.“ - „Mir wohl“, sagt Steinbrück und reicht dem Altkanzler und Popper-Spezialisten Schmidt mit ein paar kräftigen Strichen die Erkenntnistheorie des kritischen Rationalismus nach.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          So gibt, ist die philosophische Ader erst einmal angezapft, ein Wort das andere. Auch mit Habermas kenne er sich aus, fügt Steinbrück hinzu, jedenfalls, was dessen öffentliche Stellungnahmen zu politischen Themen angeht: „Ich will da gar nicht kokettieren, aber auch ich habe diese Artikel in der Zeit oder auch in der FAZ oder früher in der Frankfurter Rundschau mit Aufmerksamkeit gelesen, ohne ihnen immer zuzustimmen.“ Alles in allem bedauere er, dass das Institut der „Public Intellectuals“ hierzulande so wenig gelte. Die heutigen Mediendebatten würden vergessen lassen, „welche Bandbreite und Tiefenschärfe die intellektuelle Diskussion in den sechziger Jahren in unserem Land hatte“.

          Es darf nicht vergessen werden, wer die Bestnoten vergibt

          Schmidt findet „Public Intellectual“ ein „wunderschönes Stichwort“, würdigt in dieser Hinsicht ebenfalls die sechziger Jahre, will aber noch einen weiteren Schritt zurücktreten und erinnert ans produktive geistige Klima der zwanziger Jahre, „vom Fackel-Kraus auf der einen Seite bis zu Thomas Mann auf der anderen Seite“. Wo ist sie geblieben, die Zeit?

          „Zug um Zug“ dokumentiert ein Gespräch zwischen Schmidt und Steinbrück, in dem der persönliche Kanzlerkandidat des Altkanzlers die Gelegenheit erhält zu zeigen, was in ihm steckt. Die performative Schwierigkeit besteht darin, einerseits ein Gespräch auf gleicher Augenhöhe vorführen zu wollen - daher der aufs gemeinsame Schach anspielende Titel „Zug um Zug“ -, andererseits Schmidt noch gebührend als den obersten Preisrichter der Partei erscheinen zu lassen, der befugt ist, Steinbrück die Bestnoten zu geben.

          Der Rohrstock wird nicht rausgeholt

          Diese Gratwanderung ist glänzend gelöst. Schmidt lobt Steinbrück, wo immer es geht, und gibt doch zu verstehen, Steinbrück brauche nicht nur Ja und Amen zu sagen. So entsteht eine Atmosphäre gebremster Lockerheit, in welcher sich der Prüfling in den unausgesprochenen Grenzen des offenen Diskursraums langsam warmläuft und sich hier und da auch einmal etwas herausnimmt („Helmut, da würde ich widersprechen!“).

          Steinbrück zeigt sich bei allen Materien im Bilde, Schmidt benotet entsprechend gut bis sehr gut, in Wendungen wie: „Ich stimme Ihnen zu, Peer“; „das ist ganz gewiss richtig“; „dick unterstreichen!“; „das ist druckreif“; „Ihre Antwort ist in Ordnung“; „ja, Sie haben recht, ich war zu einseitig“. Wo Schmidt meint, tadeln zu müssen, geht er sensibel vor: „Peer, darf ich dazwischenfahren?“, um sich sogleich für die „Abschweifung“ zu entschuldigen. Nur einmal fährt er aus der Haut, als Steinbrück mit Wehmut an die „Sozialistische Internationale“ der siebziger und achtziger Jahre erinnert.

          Da meint Schmidt, seinen Ohren nicht zu trauen, und ruft: „Jetzt singen wir gleich die Internationale! Nein, es tut mir leid, ich habe Einrichtungen wie die Sozialistische Internationale immer für überflüssig gehalten.“ Das soll auch zeigen: Mehr als dieses eine lässliche historische Fehlurteil hat Steinbrück nicht am Stecken! Wiewohl, so muss man wohl hinzufügen, auch dieser fähige Mann in puncto Kosmopolitisches noch über Entwicklungspotential verfügt: „Reisen Sie eigentlich genug, Peer?“ Im Augenblick zu wenig, gesteht Steinbrück. Doch schiebt er seinen Verbleib im „europäischen Nahbereich“ dann geistesgegenwärtig auf die Schwierigkeit, ein gutes Reisebüro zu finden: „Ich vermisse die Infrastruktur, die solche mehrtägigen Fernreisen organisiert.“

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