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Helmut Remschmidt/Reinhard Walter: Kinderdelinquenz : Eltern haften für ihre Kinder

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Bild: Verlag

Diebstahl, Sachbeschädigung, Körperverletzung - das sind die häufigsten Delikte, die von unter Vierzehnjährigen begangen werden. Eine Marburger Langzeitstudie untersucht das Phänomen Kinderdelinquenz.

          Kinder unter 14 Jahren sind in Deutschland nicht strafmündig. Das bedeutet nicht, dass sie keine Straftaten begehen, im Gegenteil: Mehrere Befragungen von Schülern zwischen 9 und 16 Jahren haben ergeben, dass zwischen 88 und 92 Prozent von ihnen mindestens einmal eine Handlung begehen, die als Straftatbestand definiert ist. Um solche Kinder auch sprachlich nicht dem Bereich der strafrechtlich verstandenen Kriminalität zuzuordnen, spricht man mit einem Fachausdruck von „delinquentem Verhalten“. Delinquenz scheint entwicklungspsychologisch zum Erwachsenwerden dazuzugehören. Bei den allermeisten dieser Taten handelt es sich freilich um Bagatelldelikte.

          Die öffentliche Wahrnehmung von Kinderdelinquenz wird hingegen von einzelnen spektakulären Fällen bestimmt, von Klaukids und gemeinschaftlichem Mord. Forderungen nach hartem Durchgreifen oder der Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters, die jedes Mal formuliert werden, wenn ein dramatischer Fall bekannt wird, entbehren allerdings jeder vernünftigen Grundlage.

          Einzigartige Langzeitstudie

          Das liegt unter anderem daran, dass wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse über die Bedeutung von Straftaten im Kindesalter für eine kriminelle Karriere oder realistische Einschätzungen des Erfolgs von Interventionsmaßnahmen nicht leicht zu bekommen sind.

          Um dem abzuhelfen, haben Helmut Remschmidt und Reinhard Walter von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Universität Marburg die „Marburger Kinderdelinquenzstudie“ durchgeführt: Sie untersuchten die Entwicklung einer Zufallsstichprobe von Kindern, die im Marburger Raum polizeilich registriert worden waren, über 30 Jahre hinweg und haben die Ergebnisse dieser im deutschen Sprachraum einzigartigen Langzeitstudie nun publiziert. Auf knallige Thesen wartet der Leser vergeblich. Das wichtigste Ergebnis der Studie ist das genaue Gegenteil der allwissenden Stammtischpsychologie: Man muss genau hinschauen.

          Großes Dunkelfeld

          Die im ersten Teil des Buches referierten älteren Studien fanden prognostisch bedeutsame Merkmale in der Persönlichkeit, den kognitiven Fähigkeiten und der Familie der Täter, kommen aber nicht zu einem eindeutigen Bild.

          Das mag daran liegen, dass es alles andere als einfach ist, überhaupt an brauchbare Daten zu kommen. Die meisten Delikte von Kindern werden gar nicht zur Anzeige gebracht. Zum einen weil es sich um Verhaltensweisen handelt, die von Normalbürgern nicht als Verbrechen wahrgenommen werden: jemandem mit Gewalt etwas wegzunehmen, Gewalt anzudrohen oder jemanden vorsätzlich zu verprügeln. Zum anderen weil bekannt ist, dass die Kinder strafrechtlich nicht verfolgt werden können. Fachleute warnen denn auch vor dem „Dunkelfeld“ der Heuristik, wenn es um die Bezifferung der Kinderdelikte geht. Als wegen der Demonstrationen gegen das Atomkraftwerk Gorleben mehr Polizisten in den Landkreis Lüchow-Dannenberg geschickt wurden, stieg die Anzahl der tatverdächtigen Kinder um 113 Prozent. Umgekehrt sank die Zahl der angezeigten Ladendiebstähle von Kindern in deutschen Großstädten rapide, nachdem die überlastete Polizei mit den Kaufhäusern abgesprochen hatte, die Eltern zu benachrichtigen, statt Anzeige zu erstatten.

          Beginn von Täterkarrieren?

          Um solche Verzerrungen zu umgehen, musste vor allem die Gruppe der Probanden sorgfältig ausgesucht werden. Von den 1758 Kindern, die zwischen 1962 und 1971 bei der Staatsanwaltschaft des Marburger Landgerichts aktenkundig geworden waren, blieben nach Sichtung von 1665 Akten mit 1931 Strafanzeigen schließlich 263 übrig, die geeignet und willens waren, an der Längsschnittuntersuchung teilzunehmen. Diese wurden zwischen 1975 und 1977 von Projektmitarbeitern aufgesucht. Sie erhoben umfangreiche biographische Daten der inzwischen etwa Zwanzigjährigen, führten einen Intelligenztest durch und versuchten die Persönlichkeit des Probanden mit Hilfe des Freiburger Persönlichkeitsinventars, eines Fragebogens zu persönlichen Merkmalen wie Nervosität oder Geselligkeit zu erfassen. Zudem wurde die weitere Entwicklung der Teilnehmer bis 1996 durch Auskünfte aus dem Erziehungs- und Strafregister verfolgt. Die Längsschnittstudie konnte die Entwicklung kindlicher Delinquenten also von vor dem 14. bis über das 40. Lebensjahr hinaus verfolgen.

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