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Helmut Obst: Reinkarnation : Ist ein einziges Leben nicht genug?

Bild: C.H. Beck

Es gibt viele Varianten, sich eine Präexistenz und eine Fortexistenz der Seelen in aufeinanderfolgenden Leben vorzustellen - und der Hang dazu ist auch sehr verbreitet: In Helmut Obst Weltgeschichte der Reinkarnationsidee kann man sich davon überzeugen.

          3 Min.

          Laut Umfragen sollen mindestens zwanzig Prozent der Europäer und Nordamerikaner der Ansicht zuneigen, dass wir in der einen oder anderen Weise mehrere Erdenleben hinter uns bringen. Womit allerdings mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet sind. Denn welche Vorstellungen von Wiederverkörperung damit einhergehen, was eigentlich wiedergeboren wird und zu welchem Zweck, das bleibt dabei noch offen. Und die Auswahl an Möglichkeiten, von Schicksalen vor der Geburt und nach dem Tod zu handeln, ist nicht klein.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Man kann sich davon in einem Buch des Religionswissenschaftlers Helmut Obst überzeugen, der Vorstellungen und Konzepte von Reinkarnation quer durch die Geschichte und Religionen verfolgt. Es ist das wahrlich ein weites Feld, und so deutlich sich die christlichen Kirchen gegen die Idee der Reinkarnation verwahrt haben, so tiefsitzend scheint doch die Neigung zu ihr. Ob nun mit oder ohne Entlehnungen aus asiatischen Religionen, in denen der Kreislauf der Wiedergeburten von zentraler Bedeutung ist.

          Am Ende des Prüfungsweges

          In den fernöstlichen Varianten geht es darum, den Kreislauf zu unterbrechen, während abendländische Vorstellungen seit der Antike eher auf Entwicklungsmöglichkeiten in fortgesetzten Existenzen abhoben. Attraktiv ist an diesen Vorstellungen vor allem, mit ihnen offenbaren Ungleichheiten in den Lebensschicksalen und deren Ausgangsbedingungen ihre Schärfe zu nehmen. Was anders schnell als Ungerechtigkeit scheint, soll sich irgendwie als Folge früherer Leben verbuchen und obendrein durch spätere Inkarnierungen ins Lot bringen lassen. Entlastung Gottes beziehungsweise der Schöpfung auf der einen Seite, individuelle Verbesserungsmöglichkeiten in wiederholten Durchgängen auf der anderen - so könnte man diese anvisierten Vorzüge grob umreißen.

          Zumindest lassen sich diese beiden Motive in den verschiedenen Ausgestaltungen der Reinkarnationsidee, die Obst in seinem historischen Durchgang ausbreitet, gut verfolgen. Sie stellen natürlich vor Probleme eigener Art, denn halbwegs verständlich muss gemacht werden, was überhaupt sich in diesen aufeinanderfolgenden Leben durchhält und also Subjekt der moralischen oder sonstigen Aufsummierung sein kann.

          Geschichten über tatsächliche Erinnerungen an frühere Leben - von Pythagoras bis zu zeitgenössischen Exempeln - reichen da nicht. Gibt man dagegen Gott als Buchführer die Ehre oder setzt auf die Enthüllung der Gesamtbilanz für eine ans Ende ihres Prüfungsweges gekommene Seele, bleibt deren zusammengestückelte Bahn eine heikle Angelegenheit. Ein Prüfungsweg, von dessen Stationen ich nicht weiß, ist eine recht merkwürdige Korrektionsinstanz.

          Seelenwanderung gegen Auferstehung

          Ganz abgesehen von der Frage, wie man sich solche herumstreunende Seelen vorstellen soll, die auf religiösem Terrain nun einmal heimisch sind. Gegen ihre Wanderfreudigkeit hat sich die Kirche allerdings früh entschieden: mit der Verwerfung der Behauptung ihrer Präexistenz und finalen Heimholung zu Gott ohne Ausnahme. Es ist demnach nicht an den Seelen, für ihre Erlösung zu arbeiten, sondern an den Gläubigen, sie als Gnadengeschenk anzunehmen - eine recht grundlegende theologische Verwahrung.

          Auf orthodoxer Seite hat man dagegen ein Endgericht, bei dem ein Teil der Menschheit die Seligkeit gar nicht erringen kann, weil die Erlösungstat Jesu an ihm vorbeiging, und ein anderer wegen seiner Sünden der ewigen Verdammnis überantwortet wird; während die fleischliche Auferstehung sich naturgemäß um kein Jota leichter begreiflich machen lässt als Seelenwanderung. Das ist zwar auch nicht besonders attraktiv, dafür aber blieb der christologische Kern unangetastet.

          Reinkarnationsvorstellungen gerieten also im theologischen Kontext zuerst auf die häretische Seite und später unter die Dinge, die man nicht unbedingt berühren musste. Je individualisierter die Glaubensformen, desto eher scheint mit ihnen in der einen oder anderen Form zu rechnen. An den diversen esoterisch-okkulten Rändern gehören sie oft ins Repertoire, und Rückgriffe auf östliche Vorstellungen - mit dem neunzehnten Jahrhundert angebahnt - liegen nahe.

          Lessings Frage

          Entscheidend für diese moderne westliche Entwicklung war auch, dass sich die Idee der Seelenwanderung im achtzehnten Jahrhundert mit allgemeineren Fortschrittskonzepten verknüpfte. Da musste es nicht mehr unbedingt um Sündenregister und Erlösung gehen, sondern auch um die moralische wie kognitive Perfektionierung des Individuums, die doch unmöglich von der unübersehbaren historischen Zufälligkeit seiner Existenz abhängen konnte. Mit den Worten des bis heute oft als Zeugen in dieser Sache aufgerufenen Lessing aus der „Erziehung des Menschengeschlechts“: „Warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin? Bringe ich auf Einmal so viel weg, daß es der Mühe wieder zu kommen etwa nicht lohnet?“

          Zum immer wieder von Anhängern einer Reinkarnation angebrachten Zitat wurde diese Passage nicht zuletzt durch ihre Frageform. Sie zwang nicht zur Ausgestaltung der Idee, die schnell auf Verlegenheiten und manche Merkwürdigkeiten führt. Gemäß Lichtenbergs Einsicht, es sei „ein Glück in mancher Rücksicht, dass diese Vorstellung nicht zur Deutlichkeit gebracht werden kann“. Obwohl gerade diese Merkwürdigkeiten ihren Reiz haben und aufschlussreich sind. Von alten Fragen wie jener, ob Tiere als Reinkarnationinstanzen zugelassen sind, die sich doch als sinnenfällige Bestrafungsform sehr zu eignen schienen, bis zu jener, wie es eigentlich mit Geschlechtswechsel steht - woraus dann auch eine Erklärung gleichgeschlechtlicher Liebe werden konnte.

          Der Autor weiß sich mit seinen Einschätzungen der vorgestellten Positionen zurückzuhalten, nur zum Ende hin lässt er seine Sympathie für Theologen durchblicken, die eine zweckmäßig beschnittene Idee der Reinkarnation im Spiel halten wollen. Nicht auszuschließen also, dass diese Geschichte von nicht enden wollenden Geschichten auch auf diesem Terrain weitergeht.

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