https://www.faz.net/-gr3-wijd

: Heiße Töne aus einer verrückten Zeit

  • Aktualisiert am

Über Jazz könne man sich nur bedingt kluglesen. Das hat vor Jahren einmal der Hamburger Kritiker Werner Burkhardt behauptet, um freilich nichts anderes zu tun, als unentwegt über Jazz zu schreiben, auf dass sich andere schlaumachen konnten über die exzentrische Rhythmik eines Charlie Parker und die verlängerten Akkorde eines Lee Konitz.

          Über Jazz könne man sich nur bedingt kluglesen. Das hat vor Jahren einmal der Hamburger Kritiker Werner Burkhardt behauptet, um freilich nichts anderes zu tun, als unentwegt über Jazz zu schreiben, auf dass sich andere schlaumachen konnten über die exzentrische Rhythmik eines Charlie Parker und die verlängerten Akkorde eines Lee Konitz. Im Prinzip aber hatte Burkhardt recht. Noch keinem Autor ist es bisher gelungen, das Phänomen des Swing zu fassen. Und wenn von den charakteristischen Tönen eines Musikers die Rede ist, flüchten sich alle in kulturkritische Poesie: Dann ist ein Sound cool, und der Groove kommt über uns. Das mag auch mit ein Grund sein, warum es so viele Fotobände zum Jazz, mehr als zu jeder anderen Musik, gibt - vom Glamour Rock einmal abgesehen. Wo die Worte nicht ausreichen, muss das Bild herhalten.

          "Das Antlitz des Blues", "Swing - gehört und gesehen", "Shining Trumpets", "Jazz seen": Bücher zum Jazz lassen oft im Titel anklingen, dass man diese Musik sehen müsse, um sie angemessen hören zu können. Der alte Spruch "Jazz, a way of life" hat sich da tiefer ins Bewusstsein gegraben, als es die Künstler, die ihn erfunden haben, selbst für möglich hielten. Wenn der Jazz nicht lediglich eine Musik, sondern eine Lebensform repräsentiert, dann wird sich auch in den Gesichtern, in der Haltung, im Rhythmus, mit dem jemand die Seventh Avenue hinabschlendert, etwas wie Jazzgefühl ausdrücken. In einem Jahrzehnt war das Lebensgefühl der Jazzmusiker sogar mit dem Lebensgefühl einer ganzen Generation oder, pathetisch gesagt, mit dem Zeitgeist identisch.

          Die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts waren das goldene und das korrupte, das hektische und das avantgardistische, das verrückte und das anarchische, das überschäumende und das ins Verhängnis taumelnde Jahrzehnt: das "Jazz Age". Es begann im Grunde am 16. Januar 1919 mit der Ratifizierung der achtzehnten Änderung zur amerikanischen Verfassung, dem rigorosen, aber das Gegenteil bewirkenden Alkoholverbot; übrigens die einzige Änderung zur amerikanischen Verfassung, die später wiederaufgehoben wurde. Und es endete mit den drei historischen schwarzen Tagen, dem Black Thursday, gefolgt vom Black Monday und schließlich am 29. Oktober 1929 dem Black Tuesday, mit dem die Börse an New Yorks Wall Street ihren Geist aufgab und die große Depression einsetzte.

          Den schrägen Rhythmus für dieses turbulente Jahrzehnt hatten die Ragtime-Pianisten vorgegeben. Aber danach ist nicht genau auszumachen, ob die Jazzmusiker den Takt für den kollektiven Tanz auf dem Vulkan bestimmten oder die Gangstersyndikate, die in den von ihnen kontrollierten illegalen Gin Mills und Speakeasys, den Bordellen und Tanzhallen den Jazz nicht zuletzt als Tarnkappe für ihre Geschäfte benutzten. Wie auch immer: Jazz und Halbwelt profitierten voneinander und bildeten eine unauflösliche, auch für die bürgerliche Gesellschaft überaus attraktive Interessengemeinschaft. Wer sich dieser Epoche nähern will, wird es nicht tun können, ohne sich den Klang von Louis Armstrongs Trompete und Duke Ellingtons "Jungle Style" in Erinnerung zu rufen.

          Robert Nippoldt hat es mit seinen Mitteln des Zeichners und Illustrators getan. In Zusammenarbeit mit dem Autor Hans-Jürgen Schaal ist dabei ein Bildband über den "Jazz im New York der wilden Zwanziger" entstanden, der in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich ist, auch wenn es naturgemäß einige Vorläufer dazu gab: etwa das teilweise von Hans Wollschläger übersetzte Buch von Stephen Longstreet "Das war New Orleans", die Veröffentlichungen des Jazztrompeters und Zeichners Herbert Joos, die Porträts von Piet Klaasse oder auch die wunderbaren Karikaturen von Tony Munzlinger. Nippoldts Zeichnungen, denen meist historische Fotos und Dokumente zugrunde liegen, verraten den versierten Graphiker, der das Wesentliche einer Person oder eines Phänomens mit wenigen charakteristischen Strichen erfasst. Aus vielen dieser grandiosen, ein wenig im Stil von Tomi Ungerers "Slow Agony" gehaltenen Zeichnungen springen einen geradezu die Musik der "Roaring Twenties" an, die Mode jener Zeit, aber auch die betonte Lässigkeit und das stilisierte Selbstbewusstsein der Jazzmusiker zwischen Rampenlicht und Hinterhofexistenz.

          Was das Buch mit seinen schönen schwarz, braun und beige gehaltenen Grundtönen - geradeso, als habe Duke Ellingtons berühmter Song die Farbkomposition mitbestimmt - aber besonders reizvoll macht, ist die Liebe zum Detail, die vielen Vignetten und graphischen Zeichen, mit denen die kurzen Texte aufgelockert werden. Selten hat man ein Buch in Händen gehalten, das in seiner künstlerischen Gestaltung so vollendet und ästhetisch attraktiv erscheint und zugleich den eigentlichen Gegenstand, den Jazz und seine Zeit, so stilsicher erfasst. Natürlich kann die Auswahl von Künstlerporträts nur subjektiv sein, willkürlich ist sie nicht. Immer handelt es sich um bemerkenswerte Musiker, über die Hans-Jürgen Schaal mit gutem Gespür für Anekdoten und angemessen plakative Charakteristik Geschichten erzählt, die ihm die vielfältige Literatur zum Jazz und nicht selten ein paar Musiker oder auch solche Schwadroneure wie Werner Burkhardt eingegeben haben. Eine wunderbare Veröffentlichung, die durch die beigefügte CD mit historischen Aufnahmen von 1917 bis 1931 ein kleines Gesamtkunstwerk ergibt.

          WOLFGANG SANDNER

          Robert Nippoldt: "Im New York der wilden Zwanziger". Mit Texten von Hans-Jürgen Schaal. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2007. 144 S., 57 Graphiken und Zeichnungen, CD mit Originalaufnahmen, geb., 39,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Kultur willkommen

          Meineckes Amerika-Bild : Kultur willkommen

          Zur Dreihundertjahrfeier der Harvard Universität reiste der Historiker Friedrich Meinecke 1936 nach Amerika. Ein Reisebericht aus dem Privatarchiv hält das ungewöhnliche Aufeinandertreffen zweier Kulturen fest.

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Thilo Sarrazin im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse.

          Kommentar zu Sarrazin : Ansichten eines Clowns

          Wie soll man es verstehen, dass die SPD wieder versucht, ihr medienwirksamstes Mitglied auszuschließen? Gefahr geht weder von ernsthafter Beschäftigung mit Migration noch von umfassender Einwanderungspolitik aus – sondern von Ignoranz und Arroganz.
          Steht dahinter ein Bot? Facebook-App auf einem Smartphone.

          Kommentar zum neuen Gesetz : Bots, überall Bots?

          Deutschland stürzt sich mit Hurra in die Bekämpfung des nächsten digitalen Phantomproblems. Die Fachwelt schüttelt den Kopf – zu recht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.