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: Heiße Luftsprünge der Evolution

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Was wäre, wenn plötzlich herausgefunden würde: Der Stiefel, als den wir Italien auf der Landkarte zu bezeichnen pflegen, ist gar kein Stiefel, sondern eine Socke. Wahrscheinlich - der Kalauer sei erlaubt - würde das keine Socke jucken. Einfach deshalb, weil Italien weder ein Stiefel noch eine Socke ist. Italien ist ein Land mit einer fest umrissenen Kartographie.

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          Was wäre, wenn plötzlich herausgefunden würde: Der Stiefel, als den wir Italien auf der Landkarte zu bezeichnen pflegen, ist gar kein Stiefel, sondern eine Socke. Wahrscheinlich - der Kalauer sei erlaubt - würde das keine Socke jucken. Einfach deshalb, weil Italien weder ein Stiefel noch eine Socke ist. Italien ist ein Land mit einer fest umrissenen Kartographie. Der Rest ist Metapher, wie immer sie heiße.

          Ähnlich begriffsstutzig möchte man sich gegenüber der zentralen These des neuen Buchs von Horst Bredekamp verhalten. Mit einem gewaltigen argumentativen Aufwand läßt uns der Kunsthistoriker wissen: Die Bäume, mit denen Darwin die Evolutionstheorie im Diagramm visualisierte, sind gar keine Bäume, sondern Korallen. So kritisiert Bredekamp zum Beispiel Titelbild und Editorial der Zeitschrift "Science" vom Juni 2003. Das Bild zeigt eine Naturform der Haeckelschen Eiche, auf deren rechte Stammgabel der Titel "Tree of Life" projiziert war. Dazu stand im Editorial geschrieben: "Vor mehr als hundert Jahren gestaltete Charles Darwin die Beziehungen der Organismen in Raum und Zeit. Was herauskam war der Baum des Lebens, ein Eckstein der Evolutionstheorie wie auch der Klassifikation von Organismen, der das Potential hat, die gesamte Biologie zu begreifen." Alles falsch, sagt Bredekamp. Die gesamte Biologie wird im verkehrten Bild begriffen. Nicht der Baum des Lebens, sondern die Koralle des Lebens ist der Eckstein der Evolutionstheorie.

          Es ist wie beim Stiefel und der Socke: Was würde sich ändern, sollte wirklich der Baum durch die Koralle ersetzt werden müssen? Die Antwort: nichts Wesentliches. Nicht ein Iota der Evolutionstheorie müßte umgeschrieben werden. Derart schnöde noch vor aller Einlassung nach der "Relevanz", nach dem Mehrwert eines Befundes zu fragen, ist nicht fehl am Platz. Denn dieses Darwin-Buch ist Teil eines weit ausholenden, vom Autor in Büchern über Hobbes (F.A.Z. vom 23. September 1999) und Leibniz (F.A.Z. vom 7. Februar 2005) erprobten Projekts. Es ist der an Erwin Panofskys Ikonologie anknüpfende Anspruch, die Kunstgeschichte zu einer allgemeinen Bildwissenschaft zu erweitern, sich mit dem Instrumentarium der Kunstgeschichte auch der Bilder der Massenmedien und der Naturwissenschaften und aller anderen irgend bildgestützten Wissenschaften anzunehmen.

          Der dahinterstehende Plan, die Kunstgeschichte von einem Orchideenfach zu einer Leitwissenschaft auszubauen, ist in Zeiten knapper Fördermittel gewiß eine respektable Strategie. Ob sie aufgeht, wird freilich vom analytischen Mehrwert abhängen, den eine Bildwissenschaft gegenüber jenen Disziplinen abwirft, auf deren Gegenstände sie sich stürzt. Ist ein solcher Mehrwert nicht auszumachen, dann dürfte das Projekt einer Bildwissenschaft im Zeichen des iconic turn zu Ende sein, noch bevor es richtig begonnen hat.

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