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: Heiß erlebt, kalt geschildert

  • Aktualisiert am

Elite, so erfahren wir von Gunnar Hinck, muss wissen, was sie will. In Ostdeutschland weiß es die Elite nicht. Das ist der Befund aus zahlreichen Gesprächen, die der vierunddreißigjährige Publizist in den letzten zweieinhalb Jahren mit vierzehn Menschen geführt hat, die man als ostdeutsche Elite bezeichnen kann.

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          Elite, so erfahren wir von Gunnar Hinck, muss wissen, was sie will. In Ostdeutschland weiß es die Elite nicht. Das ist der Befund aus zahlreichen Gesprächen, die der vierunddreißigjährige Publizist in den letzten zweieinhalb Jahren mit vierzehn Menschen geführt hat, die man als ostdeutsche Elite bezeichnen kann. Hinck versteht den Begriff funktionell, nicht abstammungstechnisch. Unter seinen vierzehn Gesprächspartnern sind fünf Westdeutsche, die nach der Wende von 1989 Funktionen in den fünf östlichen Bundesländern übernommen haben: zwei Manager, ein Politiker, ein Journalist, eine Richterin. Aber die Herkunft macht nichts aus: Hinck sieht in ihrer Arbeit und noch mehr in ihrem Denken zum großen Teil genau die gleichen Defizite wie bei den im Osten sozialisierten Eliteträgern.

          Hinck hat die Ergebnisse seiner Gespräche in einem neuen Buch zusammengetragen ("Eliten in Ostdeutschland". Warum den Managern der Aufbruch nicht gelingt. Ch. Links Verlag, Berlin 2007. 215 S., br., 16,90 [Euro]). Vierzehn Einzelporträts werden dabei umrahmt von einer Erörterung des generellen Zustands der ostdeutschen Führungsschichten und einer Liste von fünfzehn Verbesserungsvorschlägen. Diese Anregungen sind erstaunlich konkret und gehen in ihrer Konsequenz bis zur Propagierung von Länderfusionen, um eine "fruchtbare Konkurrenz" um weniger Stellen zu schaffen. Um die regionalen Unterschiede schert Hinck sich dabei nicht, und so darf man wieder einmal erfahren, dass Thüringen ja erst seit 1920 ein Land sei. Wohl wahr, aber die thüringischen Landschaften sind ein jahrhundertealter Kulturraum, der mehr gemeinsam hat als Baden und Württemberg. Am Schluss, wenn es um Empfehlungen geht, agiert der Autor bisweilen genauso wie sein Zerrbild der westdeutschen Medien.

          Hinck steht zwischen Ost und West, das macht Reiz wie Risiko seines Buches aus. Geboren im westdeutschen Stade, hat er nach einem Studium in Göttingen und Uppsala als Journalist bei mehreren ostdeutschen Regionalzeitungen gearbeitet. Er ist ein typischer Vertreter jener westdeutschen Intellektuellenschicht, die im Kalten Krieg zu jung war, um bereits Feindbilder oder - genauso gefährlich - romantische Vorstellungen vom anderen Deutschland auszubilden, und sich deshalb dazu berufen fühlt, heute den Mittler zu spielen. Tatsächlich ist diese Generation bitter nötig, und sie erreicht ja auch gerade die Schaltstellen, aber das (neutral verstandene) Unentschiedene gegenüber der Vergangenheit macht sie in einem Ausmaß kompromissbereit, das denjenigen schwer begreiflich zu machen ist, die in der Ära der Systemkonkurrenz gelitten haben - und das müssen nicht einmal nur die unterdrückten Oppositionellen in der DDR sein, sondern Gleiches gilt für die von der größeren Dynamik des Westens desillusionierten SED-Funktionäre.

          Beide Gruppen sind bei Hinck vertreten, beiden nähert er sich respektvoll. Seine Urteile sind von der persönlichen Nähe, die etlichen Gesprächen anzumerken ist, unberührt geblieben. An der DDR wird nichts beschönigt, am Kapitalismus nichts idealisiert. Aber dadurch bekommen gerade seine Porträts eine Kälte, die zweifellos ungewollt ist. Zu schnell wird etwa als Konsequenz hervorgehoben, was nicht mehr als Phrasendrescherei ist, zu leicht als Nachdenklichkeit gepriesen, was einfach Hilflosigkeit ist. Man merkt diesen Texten die journalistische Erfahrung ihres Autors an: Sie sind gut geschrieben (und das Lektorat hat auch nur Winzigkeiten übersehen), aber dieser journalistische Stil passt nicht zum programmatischen Ansatz, den Hinck verfolgt. Für eines von beiden hätte er sich entscheiden müssen - entweder Charakterstudien oder thetischer Text.

          Letzteres wäre die bessere Wahl gewesen, denn Hincks Analysen zum "Personalnebengleis Ost" und zur "Notgemeinschaft" der ostdeutschen Eliten sind überaus erhellend. Seine Porträts dagegen sind nur dann provozierend, wenn sie Spott spüren lassen wie bei Till Backhaus, dem Agrar- und Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern. Ihn hat Hinck nur einmal getroffen, und da dieses Treffen nicht unter optimalen Bedingungen verlief, ist ins Profil von Backhaus viel mehr eingeflossen, was sich dem Blick von Hinck als was sich den Worten des Ministers verdankt. Das ist genau das, was dem Porträt von Iris Goerke-Berzau, einer Vorsitzenden Richterin am Naumburger Oberlandesgericht und angesichts dieser Karrierestufe in der Justiz selbstverständlich westdeutscher Herkunft, fehlt. Sie betrachtet Hinck mit der größten Sympathie, und der lange Weg in den Osten wird in der Schilderung all der sozialen Probleme deutlich, doch über das Bild, das sich andere von der Richterin machen, erfährt man nichts. Dabei ist das im andauernden Konflikt der Lebensweisen und -erfahrungen zwischen West und Ost wichtiger als die jeweiligen Selbsteinschätzungen.

          Dennoch lohnt Hincks Buch die Lektüre, weil es unaufgeregt argumentiert und mit Ausnahme des Untertitels, der pauschal alle Befragten zu Managern erklärt, obwohl nur drei davon es wirklich sind, keine plakativen Parolen enthält. Die Ungebundenheit Hincks, der während seiner Recherchen aus der eigenen Familie finanziert wurde, ist sicher auch dafür verantwortlich: Es ist keine Artikelserie, die hier zwischen zwei Buchdeckel gepresst wurde, und es ist auch nicht die Programmschrift eines Autors, der sich selbst um Aufnahme in die Elite bewirbt. Das unterscheidet es wohltuend von den meisten anderen Publikationen zu ostdeutschen Problemen.

          ANDREAS PLATTHAUS

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