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Heinz Rademacher (Hrsg.): Gastl Welt : Hier galt das Prinzip der guten Nachbarschaft

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Bild: Klöpfer & Meyer Verlag

Als Buchhandlungen noch Bürgersteig-Feuilletons waren: Heinz Rademacher erinnert an die Gastl’sche in Tübingen und ihre Bedeutung als Anlaufstelle der Freigeister.

          Manchmal ist der Inhalt eines Buchs mit der korrekten Bezeichnung seiner Gattung schon exakt umrissen. Die Literaturwissenschaft bezeichnet so etwas wie Heinz Rademachers polyphone und bewegende Sammlung von Briefen, Fotos, Dokumenten und Erinnerungen an die Gastl’sche Buchhandlung in Tübingen als „Gedenkbuch“. Das Genre hat seit den mittelalterlichen jüdischen Memorbüchern im Totenkult seinen lebenspraktischen Ort. Wir haben es mit der melancholisch rückwärtsgewandten Beschwörung einer Vergangenheit zu tun.

          Die klassische Buchhandlung war im gelungenen Fall - den die Gastl’sche Buchhandlung in Tübingen besonders eindrucksvoll und liebenswürdig verkörperte - noch in den letzten Dekaden des vorigen Jahrhunderts ein spezifischer und traditionsreicher bildungssoziologischer Ort. In einer guten Buchhandlung vereinigten sich ökonomische mit geistigen Interessen. Sie war ein sozialer Treffpunkt, eine intellektuelle Informationsbörse, eine Quelle der Anregung, eine Gelegenheit zu ernsthaften Studien, ein zugleich heimatlicher und utopischer Ort für intellektuelle Profis wie interessierte Laien, für Erstsemester und Ordinarien, berühmte Schriftsteller und unbekannte Leser. Diese über Jahrhunderte gewachsene Bildungsinstitution ist in den letzten zwanzig Jahren bis auf bedrohte Restbestände ausgestorben.

          Das Sterben der Buchhandlungen

          Als ich Mitte der achtziger Jahre nach Frankfurt-Bockenheim zog, gab es dort in einem einzigen Straßenblock fünf sehr ernst zu nehmende Buchhandlungen, von denen zwei, die Huss’sche und die Karl-Marx-Buchhandlung, einen überregionalen Ruf hatten. Man konnte Joschka Fischer, Wilhelm Genazino und Jürgen Habermas bei „der Huss“ oder „in der Karl-Marx“ beim Stöbern antreffen, Daniel Cohn-Bendit hielt dort Hof, der damalige Stadtkämmerer Tom Koenigs gab Unsummen für gigantische Bücherstapel aus, es gab Lesungen und Vorträge, und man konnte eine solide Halbbildung erwerben, wenn man sich nur zweimal wöchentlich in den Buchhandlungen der Jordanstraße aufhielt.

          Heute gibt es von diesen fünf Geschäften in Bockenheim noch eines. Und nicht nur der Umzug zahlreicher Institute in einen anderen Stadtteil ist der Grund für diesen Verlust. Denn als ich Mitte der neunziger Jahre nach München übersiedelte, konnte ich in Schwabing, wo es heute wie damals eine unzweifelhaft funktionierende Universität gibt, unter sieben hervorragenden Buchhandlungen wählen. Im Jahr 2013 gibt es von diesen noch drei oder besser zweieinhalb und eine davon ist ein englischsprachig spezialisiertes Unternehmen.

          Mit Bloch und Jens bei Gastl

          Julie Gastl hatte in der Osiander’schen Buchhandlung gelernt und war 1940 - trotz politischer Unzuverlässigkeit im Sinne der damaligen Machthaber - Geschäftsführerin dieses Tübinger Traditionsunternehmens geworden. 1949 gründete sie die Buchhandlung, die sie mit ihrer Teilhaberin Gudrun Schaal die folgenden Jahrzehnte hindurch zu einer Institution machte, deren Bedeutung über den Handel mit Büchern weit hinausging. Die Geschäftsräume lagen in einem verwinkelten Fachwerkhaus am Tübinger Holzmarkt. Schon das Studium der panoramatisch bestückten Schaufenster vermittelte Einblicke in die akademischen und allgemein intellektuellen Diskussionen der Zeit und bildete eine Art Bürgersteig-Feuilleton.

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