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Heinrich Detering: Der Antichrist und der Gekreuzigte : Für den Gott sprach doch noch etwas mehr als die Grammatik

Bild: Verlag

Klarheit im Zusammenbruch: Heinrich Deterings beeindruckende Lektüre von Friedrich Nietzsches letzten Texten und Briefen entdeckt in den „Wahnsinnszetteln“ die verdichteten Motive der Spätphilosophie.

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          Anfang Januar 1889 versendet Friedrich Nietzsche aus Turin jene kurzen, meist nur aus wenigen Zeilen bestehenden Briefe, die später als "Wahnsinnszettel" in die Literatur eingingen. Anrührend euphorische Botschaften vor dem Hintergrund des kurz zuvor eingetretenen unwiderruflichen Zusammenbruchs und letzte Schritte auf dem Weg, Gedankenmotive in der Abbreviatur von bestimmten Figuren und Namen aufleuchten zu lassen. Eine Adressatin, Cosima Wagner, wird zu Ariadne, eine andere zu Kundry, der Schreibende selbst aber zu Dionysos genauso wie zum Gekreuzigten. Als ob es den Gegensatz aufzuheben gelte, der am Schluss des gerade verfassten "Ecce Homo" zu stehen kam: "Hat man mich verstanden? - Dionysos gegen den Gekreuzigten . . ."

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Aber natürlich stellt sich die Frage, ob diese letzten Botschaften vor dem Verdämmern nur noch erratische Konstellationen dieser bedeutungsgeladenen Namen vor Augen führen, die sich zu keiner stimmigen Interpretation mehr fügen lassen. Oder ob sie nicht vielmehr, in äußerster Verknappung, die Fortführung eines Spiels mit Motiven und Erzählfiguren sind, das sich bereits in den letzten Schriften vor dem Zusammenbruch verfolgen lässt. Zeugnis nicht so sehr der fraglos einsetzenden Zerrüttung ihres Autors, sondern vielmehr der Beharrungskraft zentraler Motive bis in den Wahn hinein.

          Es liegt auf der Hand, dass die erste Option, die die Wahnsinnszettel als pathogenes Zerfallsprodukt ansieht, keinen anspruchsvollen Interpreten Nietzsches anziehen kann. Schließlich läuft sie darauf hinaus, hermeneutisch das Handtuch zu werfen. Aber es kommt andererseits eben sehr darauf an, wie dabei verfahren wird, diese letzten Botschaften in die Fluchtlinie der späten Texte zu stellen - und einen hellhörigeren und umsichtigeren Interpreten des späten Nietzsche als Heinrich Detering, der bei aller Kenntnis der aufgelaufenen Literatur doch ohne jede akademische Angestrengtheit und schnörkellos bündig zu schreiben weiß, wird man so leicht nicht finden.

          Die Wendung im „Antichrist“

          Es sind vor allem die im Jahr vor dem Zusammenbruch entstandenen Texte, deren Veröffentlichung Nietzsche noch plante, aber nicht mehr auf den Weg bringen konnte, die der Göttinger Literaturwissenschaftler in den Blick nimmt: "Der Antichrist", "Ecce Homo" und die "Dionysos-Dithyramben". An ihnen gilt es für ihn den Weg nachzuzeichnen, der von der Todeserklärung Gottes und den harten Urteilen über den Religionsstifter Jesus von Nazareth zu den ganz anders lautenden Formeln der Wahnsinnszettel führt: zur Welt, die verklärt ist, weil Gott auf der Erde ist.

          Der entscheidende Übergang findet sich im "Antichrist", also dort, wo man eigentlich erwarten würde, dass Nietzsche sein Urteil aus der "Genealogie der Moral" noch einmal zuspitzt: Jesus als der Schwächling, der sein Ressentiment umbiegt zu einer gleichmacherischen Liebesbotschaft mit Aussicht auf Wiedergutmachung im dazu erfundenen Himmelreich. Aber es geschieht ja dann ganz anderes. Die angekündigte Erhellung des "psychologischen Typus des Galiläers" läuft nicht auf die Abrechnung mit dem falschen Trost einer zukünftigen Erfüllung hinaus, sondern ganz im Gegenteil: Jesus wird zum Statthalter einer bedingungslos gelebten und angenommenen Gegenwart.

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