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Heinrich Ammerer: Am Anfang war die Perversion : Therapeut der ehebrecherischen Herzogin

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Bild: Verlag

Wer war dieser Richard von Kraft-Ebing, der im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts als Koryphäe auf seinem Spezialgebiet galt, dessen Bild sich dann aber verdunkelte? Antworten liefert die erste Biographie des Psychiaters.

          1887 erschütterte ein Skandal den europäischen Hochadel. Sophie Charlotte Auguste, Schwester der österreichischen Kaiserin Elisabeth und Ehefrau des Herzogs von Alençon, hatte ein Verhältnis mit einem verheirateten Münchner Arzt. Als die skandalöse Beziehung bekannt wurde, setzte die Familie die ehebrecherische Herzogin unter so starken Druck, dass sie sich in psychiatrische Behandlung begab, und zwar in einem Grazer Sanatorium für Nervenkranke. Leiter dieser Anstalt war Richard von Krafft-Ebing, der auch die Behandlung der prominenten Patientin übernahm. Ein Jahr zuvor war das Buch erschienen, das seinen Weltruhm begründete: „Psychopathia sexualis“. Die Medizingeschichtsschreibung hat Krafft-Ebing häufig auf dieses Werk reduziert und seinem vielschichtigen Œuvre keine Gerechtigkeit widerfahren lassen. Inzwischen wird aber Krafft-Ebing wieder neben Iwan Bloch und Sigmund Freud zu den Pionieren auf dem Gebiet der Sexualmedizin gezählt.

          Wer war dieser Psychiater und Sexualwissenschaftler, der im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts als Koryphäe auf seinem Spezialgebiet galt und dessen Bild sich dann allmählich verdunkelte? Wer nach einer Biographie Krafft-Ebings suchte, der musste bis vor kurzem feststellen, dass es nur einige wenige Spezialstudien gab. Ein Grund dafür könnte sein, dass erst seit einigen Jahren ein Teil des privaten Nachlasses Wissenschaftlern zugänglich ist. Und noch immer lässt sich das Privatleben dieses zu seinen Lebzeiten weltberühmten österreichischen Psychiaters nicht in allen Details erhellen. Eine biographische Darstellung stellt daher weiterhin eine Herausforderung dar. Dieser hat sich ein junger österreichischer Historiker im Rahmen einer geschichtswissenschaftlichen Dissertation gestellt, die für den Druck gekürzt und überarbeitet wurde. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen, wenngleich man sich gewünscht hätte, dass der Autor auf die künstliche Trennung zwischen Leben und Werk verzichtet hätte.

          Mit Kopfschütteln bedacht

          So werden zunächst die einzelnen Lebensstationen (Kindheit in Baden, Medizinstudium in Heidelberg, erste akademische Tätigkeit als Psychiater in Straßburg, der Ruf nach Graz und die Krönung seiner Berufslaufbahn, der Lehrstuhl in Wien) abgehandelt, bevor Krafft-Ebings Tätigkeit als klinischer Psychiater im Einzelnen gewürdigt wird. Das führt notwendigerweise zu Wiederholungen, die allerdings die Lektüre nicht nachhaltig stören, denn das Buch ist flüssig geschrieben und mit vielen Originalzitaten aus Briefen, Gutachten, Patientenakten und Zeitungsmeldungen gespickt. Aus all den Quellenzeugnissen, die Ammerer heranzieht, ergibt sich das Bild eines Arztes und einer Forscherpersönlichkeit, das überwiegend positive Züge trägt. Krafft-Ebing war bei seinen Patienten, wie die erhaltene Korrespondenz belegt, sehr beliebt, da er sich recht intensiv um sie kümmerte und auch ein großes Einfühlungsvermögen an den Tag legte.

          Seine zahlreichen Studenten fesselten sein Vortragsstil und die fallorientierte Darstellungsweise. Die Kollegen (bis auf wenige Ausnahmen) würdigten seine Fachkompetenz, nicht nur auf dem Gebiet der sexuellen Störungen, sondern auch in der Forensischen Medizin, zu der Krafft-Ebing ein heute nicht mehr zitiertes Standardwerk verfasst hatte. Die Presse liebte ihn, weil er populär war, allgemeinverständlich vortragen konnte und immer wieder für Schlagzeilen sorgte, ja, gegen Ende seines Lebens Anlass zu Satiren und Karikaturen bot.

          Vor allem bewahrt uns die Biographie Ammerers davor, in Krafft-Ebing lediglich den Psychiater zu sehen, der sich damals an Tabuthemen wie Homosexualität und sexuelle Devianz wagte, sogar zum Namensgeber für abweichendes Sexualverhalten wurde, indem er Begriffe wie „Masochismus“ oder „Perversion“ prägte. Krafft-Ebing war einer der bekanntesten Gerichtsgutachter Österreichs, wenn es darum ging, die Zurechnungsfähigkeit eines Beschuldigten zu klären. Seine liberalen Begutachtungspraktiken wurden allerdings von seinen Wiener und Grazer Kollegen, darunter der Nobelpreisträger Julius Wagner-Jauregg, mit Kopfschütteln bedacht. Hingegen wurde Krafft-Ebings Beurteilung der Homosexualität zu seiner Zeit von den Betreffenden als befreiend empfunden, da sie von der Pathologisierung des angeblich sexuell Abnormen profitierten. Gegen Ende seines Lebens ging er so gar soweit, die „conträre Sexualität“ als ein „Aequivalent der Heterosexualität“ zu bezeichnen. Mit dieser Einstellung trug Krafft-Ebing langfristig zur Liberalisierung des Strafrechts bei, auch wenn seine Auffassung der Homosexualität als pathologische Erscheinung seit den siebziger Jahren in der Psychiatrie als überholt gilt.

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