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Ethnographische Autobiographie : Im fremden Spiegelbild

Für Ihre „Autobiographie der ethnographischen Forschung“ erhielt Heike Behrend im März 2021 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essay. Bild: Verlag

Von Kannibalen hat nicht nur der Westen unruhig geträumt: Heike Behrend gewinnt aus einem Rückblick auf die Irrungen und Wirrungen ihrer Feldforschungen in Afrika eine autobiographische Erzählung besonderer Art.

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          Klassische ethnographische Feldforschung war, nicht zuletzt auf dem „schwarzen Kontinent“, eine in mancher Hinsicht merkwürdige Angelegenheit. Westliche Kulturflüchtlinge auf Zeit bemühten sich um ein Verständnis eher übersichtlicher, irgendwie ursprünglicher und jedenfalls als vormodern wahrgenommener Gesellschaften. Es ging um Gegenbilder zu den Herkunftgesellschaften und allgemeiner zur „westlichen“ Zivilisation, deren endgültiger Zugriff den besuchten „Stämmen“, „Ethnien“ oder „Kulturen“ drohte. Wobei ebendiese machtbewehrte Zivilisation oft gleichzeitig in Gestalt der Kolonialverwaltungen mehr oder minder deutlich hinter den Ethnographen und Ethnographinnen stand, die ihrerseits wenig Zweifel daran hatten, das Verhalten der Subjekte ihrer Neugier besser zu verstehen, als es jenen selbst gelingen könnte. Die teilnehmenden Beobachter waren eben vor allem das: Beobachter, welche fremde soziale Praktiken der Vergesellschaftung entschlüsselten, zu deren eigentlichem Verständnis die Akteure selbst kaum Zugang hatten. Man brauchte natürlich Informanten und meist auch Übersetzer, aber das war ein eher technisches Problem der Forschung.

          Helmut Mayer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Solches Selbstverständnis hat die Ethnologie im Zuge einer eindrücklichen Selbstkritik in den vergangenen Jahrzehnten auf breiter Basis gründlich revidiert. Kurzgefasst, wurde aus einem – zumindest offiziell – einseitigen Verhältnis, das dem Feldforscher eine kognitive wie praktische Autoritätsposition eingeräumt hatte, eine offenere und von Austausch geprägte Situation. Die Feldforschung war nicht länger einfach ein Fenster in eine andere Welt, sondern ein Prozess von wechselseitigen Aneignungen, Ablehnungen, Transformationen und Spiegelungen, bei dem beide Seiten immer schon Bilder von den jeweils anderen ins Spiel bringen. Man bekannte, bei der Verfertigung kontrastreicher Fremdbilder einiges ausgeblendet zu haben: insbesondere den Anteil, den die Ethnographierten selbst an der Hervorbringung des Wissens über sich hatten, und auch ihre Verfahren, Varianten von Gegen-Ethnographien zu entwickeln, die ihre eigenen Erfahrungen mit den Fremden artikulierten. Man achtete, anders formuliert, mehr auf die fremden Fremderfahrungen.

          Vom Affen zur Europäerin unter den Ältesten

          Sie sind ein zentrales Motiv im Buch von Heike Behrend. Die emeritierte Ethnologin hat einen autobiographischen Bericht über ihre Feldforschungen in Ostafrika geschrieben. Es ist ein Blick hinter die Kulissen, auf die „unheroischen Verstrickungen und kulturellen Missverständnisse, Konflikte und Fehlleistungen“ während ihrer Feldforschungen über drei Jahrzehnte hinweg. Das läuft aber nicht etwa bloß auf Anekdoten oder abenteuerliche Geschichten hinaus, sondern es nimmt konsequent Zuschreibungen zum Leitfaden, mit denen sich die Autorin konfrontiert sah: die Einordnungen und Klassifizierungen, denen sie von Seiten der Ethnographierten unterworfen wurde. Daraus wird eine autobiographische Erzählung im Medium der Spiegelungen in kulturell fremd geprägten Wahrnehmungen, bei der man gleichzeitig viel über die konkreten Forschungsarbeiten der Autorin lernt und die erwähnten Revisionen der klassischen Ethnographie konkret mitverfolgen kann.

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