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Hazel Rosenstrauch: Karl Huß : Auch der Scharfrichter hat ein Recht auf Mitgefühl

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Bild: Verlag

Metternichs Ordner: Hazel Rosenstrauch macht aus dem letzten Henker von Eger eine Scharnierfigur des späten achtzehnten Jahrhunderts.

          Das späte achtzehnte Jahrhundert war noch der Idee verpflichtet, Naturphänomene erklärten sich allein durch Systematisierung. In den Wunderkammern, botanischen Atlanten und Gelehrtenstuben der europäischen Höfe wurde entsprechend gesammelt, was nicht symbiotisch mit seiner Umwelt verwachsen war - bis sich um die Jahrhundertwende neue Erkenntniswege etablierten.

          Bei Foucault lernt man: Aus einer allgemeinen Grammatik entsteht die Philologie; aus der Naturkunde löst sich die Biologie als Wissenschaft von den Organismen. Humanwissenschaften bilden sich heraus und mit ihnen eine Betrachtung der Welt, in deren Zentrum nicht länger ein allmächtiger Gott und eine unverrückbare ständische Ordnung steht, sondern der Mensch selbst - ein um 1800 sozial bereits nicht mehr eindeutig zu klassifizierendes Wesen. In diese Zeit fallen die Lebensdaten des letzten Henkers von Eger - eines Mannes, der als Sensenmann, Sammler, schließlich als sozialer Aufsteiger im ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts Karriere machte und für den sich kein geringerer als Goethe während seiner Forschungsreisen in böhmische Geosphären interessierte.

          Naturkundler und Gelegenheitspoet

          Die Publizistin Hazel Rosenstrauch hat den Henker Karl Huß in einem vorzüglichen Essay zur historischen Scharnierfigur stilisiert, was nicht nur legitim, sondern in Bezug auf die Epoche aufschlussreich ist. Denn Rosenstrauch besitzt die Kühnheit, ihren Helden biographisch mit Europas mächtigstem Restaurationspolitiker zu verknüpfen. Nicht nur, so könnte man verkürzt wiedergeben, stand der von jeder höheren Laufbahn ausgeschlossene Huß am Ende seines Lebens in Diensten des Fürsten Metternich.

          Auch wären die Laufbahnen beider Männer ohne die Umwälzungen der Zeit nicht denkbar gewesen. Indem der eine, Metternich, das Ancien Régime wieder herzustellen sucht, gelingt dem anderen, Huß, die Befreiung aus seiner sozialen Kaste. Unter Staatskanzler Metternich muss er kein verfemter Scharfrichter mehr sein, sondern darf als Naturkundler, Chronist der Stadt Eger und Gelegenheitspoet auf gesellschaftliche Anerkennung hoffen. Zwischen Geburt und Tod ihres Protagonisten, zwischen Französischer Revolution und Wiener Kongress, habe nicht nur ein König seinen Kopf verloren, schreibt Rosenstrauch, sondern hätten sich auch die Ansichten über Tod und Strafe verändert. „Damals sind Vorstellungen und Gedanken gekeltert worden, die bis heute in unseren Köpfen spuken.“ Welche Vorstellungen sind das?

          Goethes Interesse am „sonderlichen Sammler“

          Im Jahr 1776, als Huß im Alter von fünfzehn Jahren zum ersten Mal köpfte, wurde in den Vereinigten Staaten die Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte formuliert. 1787 wird die Todesstrafe in den österreichischen Erblanden nicht mehr mit dem Richtschwert oder am Galgen vollstreckt. Der letzte Henker von Eger wird mit dieser Neuerung arbeitslos und muss sich seinen Lebensunterhalt nun auf „ehrliche“ Weise verdienen. Nicht einfach für einen, der mit ererbter Infama, also „Unehrlichkeit“ zu kämpfen hat und sich dennoch nicht nur aufs Töten, sondern auch aufs Heilen versteht. Steine, Münzen und allerlei Kuriosa hatte Karl Huß im Laufe seines Lebens angehäuft und zudem nützliches Wissen über Pflanzen. Goethe interessierte der „durch Persönlichkeit und Schicksal sonderliche Sammler“.

          Gustav Freytag beschrieb das Verhältnis des ungleichen Paares auf einfühlsame Weise: „Gemeinsame Freude an den Gebilden der Kunst und Natur war es, was den größten Dichter der deutschen Nation mit dem Nachrichter von Eger in ein gemütliches Verhältnis brachte.“

          Die Vollstreckung von Todesstrafen wurde mit Schiller, Brentano oder Kleist zum literarischen Stoff, woraus Hazel Rosenstrauch schließt: „Wenn der Verbrecher ein Recht auf Mitgefühl hat, kann es auch der Sohn des Scharfrichters beanspruchen.“ Karl Huß pochte auf seinem Recht, nicht als grausamer, sondern als empfindsamer Henker in die Geschichte einzugehen. Was heute über ihn bekannt ist, lässt sich zum größten Teil aus der von ihm verfassten Chronik der Stadt Eger entnehmen. Seine heilkundlichen Kenntnisse wiederum sind dokumentiert in einer Schrift gegen Aberglauben und das Geschäft der Quacksalber - ein Image, das Huß selbst anhaftete und dem er zu entkommen versuchte, indem er sich auf die Seite der Aufklärung stellte.

          Als Staatssekretär in Königswart

          Hazel Rosenstrauchs Darstellung lässt uns eine soziale Metamorphose nachvollziehen, wie sie für die Epoche neu und aus heutiger Sicht geradezu idealtypisch zu sein scheint. Heinrich von Kleist, der den Weg vom adeligen Leutnant zum bürgerlichen Projektemacher zurücklegte, hielt an sich selbst nur die Unbeständigkeit für beständig. Gerade aristokratische Lebensläufe entwickelten sich seit der Revolution auch auf deutschem Boden zunehmend ins Ungewisse. Andere wiederum vergrößerten ihren sozialen Handlungsspielraum durch die Ausbildung bürgerlicher Tugenden.

          Karl Huß war einer von ihnen. 1827 holt Staatskanzler Metternich ihn nach Königswart, um im dortigen Schloss die fürstlichen Sammlungen zu betreuen - wie Huß in der Chronik schreibt als „unermüdlicher Ordner und Bewacher seiner Schätze, bei seinem Fürsten beliebt und hochgeschätzt, aber auch im Volke weithin bekannt durch einige glückliche Kuren als Wunderdoktor, zufrieden mit seinem Schicksale, wenn auch vereinsamt“.

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