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Hass und Demütigung im Netz : Die Hölle sind wir, die Hölle sind die anderen

Ausdrucksform mit Abnutzungsspuren: Der Facebook-Daumen dient auch dem Beifall bei Hass und Hetze aller Art. Bild: Picture-Alliance

Woher kommt, wohin führt der Hass, die Demütigung, der Glaubenskrieg im Netz? Die Sachbuchautoren Ingrid Brodnig und Jon Ronson suchen Antworten. Die eine nimmt’s genau, der andere persönlich.

          Wer erinnert sich noch an Justine Sacco? Die junge New Yorkerin hatte im Dezember 2013 einen unbedachten Tweet veröffentlicht, der ihr Leben auf den Kopf stellen sollte. „Ab nach Afrika“, schrieb sie beim Zwischenstopp in London, „Hoffe, ich hol mir kein AIDS. Nur ein Scherz. Bin ja weiß!“. Die Nachricht, wie ihre Verfasserin beteuert, als Persiflage auf den unbedarften Rassismus weißer amerikanischer Afrika-Touristen gedacht, wurde selbst als unbedarfter Rassismus wahrgenommen und weltweit skandalisiert: Der Scherz kam durch einen Retweet über den Kreis der 170 Follower hinaus, die Justine Sacco damals hatte, ihr Name wurde Trending Topic, meistdiskutiertes Thema beim Kurznachrichtendienst, und als sie nach dem elfstündigen Flug in Kapstadt wieder online ging, explodierte, wie sie erzählt, ihr Telefon. Sie wurde beschimpft, bedroht, gedemütigt und verlor ihren Job.

          In Ingrid Brodnigs Buch „Hass im Netz“ dient die Geschichte als Paradebeispiel für einen digitalen Shitstorm. In seinem Buch „In Shitgewittern“ erzählt Jon Ronson, wie das Leben nach einer solchen Entgleisung weitergeht: Ein erstes Mal hat der Autor die PR-Expertin Sacco drei Wochen nach dem Tweet getroffen. Als der Auszug aus seinem Buch, in dem es um ihre Geschichte geht, schließlich als Vorabdruck in der „New York Times“ erscheinen sollte, hatte Justine Sacco Angst. Doch danach war er es, der bei Twitter beschimpft wurde, während sie die meisten Reaktionen diesmal beglückwünschten.

          Eine Renaissance öffentlicher Demütigungen

          Brodnig erklärt, was gegen Hetze, Mobbing und Lügen online getan werden kann. Ronson erzählt hingegen, so der Untertitel seines Buchs, „wie wir uns das Leben zur Hölle machen“. Bei Brodnig sind die anderen diese Hölle: die „Trolle“, die schlicht Spaß haben an der Beleidigung anderer, am Stören und Zerstören von Diskussionen im Netz, mehr noch die „Glaubenskrieger“, die sich selbst im Kampf gegen Andersdenkende sehen und Lüge, Diffamierung und Bedrohung zu ihren Waffen zählen. Bei Ronson sind die Hölle wir: Offenherzig berichtet er von Bloßstellungen in den sozialen Netzwerken, „die mir Freude bereitet und mich mit Stolz erfüllt hatten“. Ob der homophob kommentierende Kolumnist einer britischen Boulevardzeitung oder ein unbarmherziger Fitnessstudio-Betreiber: gegen sie richtete Ronson gemeinsam mit vielen anderen eine neue Waffe, die ihre Opfer schließlich zum Einlenken zwang: den Online-Pranger.

          Jon Ronson: „In Shitgewittern“. Wie wir uns das Leben zur Hölle machen. Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass. Tropen Verlag, Stuttgart 2016. 330 S., br., 14,95 €.

          „Wir befanden uns am Anfang einer großen Renaissance öffentlicher Demütigungen“, beschreibt er seine anfängliche Begeisterung: „Fast war es, als würde es das ganze Rechtssystem demokratisieren.“ Seine Bilanz am Ende des Buchs, zahlreiche Reisen und Treffen mit öffentlich Gedemütigten und Fachleuten für die medialen Mechaniken oder psychosozialen Folgen später, ist nüchtern: „Wir definieren die Grenzen dessen, was normal ist, indem wir jene Menschen zerstören, die sich außerhalb befinden.“

          Wie hat Max Mosley das überstanden?

          Es ist ein weiter Weg von der ersten Haltung zur abschließenden Erkenntnis, ein Weg mit den unterschiedlichsten Erklärungsansätzen und bleibenden Widersprüchen, mitunter selbst ein beschämender Weg. Indem Ronson seine Leser mit auf diese Reise nimmt, lässt er ihnen genügend Zeit, nicht nur den Autor, sondern letztlich auch sich selbst im Gefüge von Solidarität und Selbstgerechtigkeit, von Beschämung und allerlei Empfindlichkeiten wiederzufinden. Das Bild, das er zeichnet, ist plastisch und bunt, und doch wird der Leser nach zweihundert Seiten müde, ein ums andere Mal mit dem Gestus der großen Reportage in eine weitere Szene geworfen zu werden, in der Ronson Zeugen, Gewährsleute oder Stichwortgeber trifft.

          Im Wohnzimmer von Max Mosley denkt er mit dem ehemaligen Präsidenten des Welt-Automobilverbands darüber nach, warum diesem eine Enthüllung von „News of the World“ auffallend wenig geschadet hatte: Die britische Boulevardzeitung hatte im März 2008 von einer angeblich „kranken Nazi-Orgie“ berichtet, bei der Mosley mit fünf Prostituierten gefilmt worden war. „Sollte unsere Demütigungswürdigkeit in der Diskrepanz zwischen unserer wahren Identität und dem liegen, wie wir uns der Welt präsentieren, so hob Max diesen Zwischenraum praktisch auf“, konstatiert Ronson. Als er von der Assistentin des Psychologen Philip Zimbardo abgewimmelt wird, dessen Gefängnisexperiment mit je neun Studenten in den Rollen von Wärtern und Gefangenen 1971 außer Kontrolle geraten war und abgebrochen werden musste, trifft er sich kurzerhand mit einem ehemaligen Probanden, der freimütig erzählt, er habe sich den Kommilitonen gegenüber nur so sadistisch verhalten, weil er das als Zimbardos Erwartung vorausgesetzt hatte.

          Alle Anstandsregeln außer Acht

          Er besucht einen Workshop in „Radikaler Ehrlichkeit“, einer Methode, die Lebensglück durch Schamlosigkeit propagiert, und einen Porno-Dreh, lässt sich erklären, wie auf Online-Reputation spezialisierte Firmen missliebige Suchergebnisse bei Google unter Bergen von Belanglosigkeiten begraben, und ausrechnen, wie viel Geld Google wohl daran verdient hat, zu Suchergebnissen nach „Justine Sacco“ Werbeplätze zu verkaufen: rund 120.000 Dollar. „Diejenigen von uns, die die tatsächliche Hinrichtung betrieben haben“, stellt Ronson fest, „wir hatten gar nichts bekommen. Wir waren unbezahlte Demütigungspraktikanten für Google gewesen“.

          Während sich der Londoner Journalist ausschließlich mit Angriffen ad hominem befasst und seine Kraft aus dem Dialog, der Anekdote, der Erkenntnis in der Begegnung zieht, zielt die österreichische Journalistin Ingrid Brodnig mit ihrem Buch „Hass im Netz“ auf die Techniken und Motive der Aggression gegen Andersdenkende in den sozialen Medien. Sie interessiert nicht der Einzelfall, sondern das Phänomen, nicht die Pointe, sondern die Lehre und der Rat. Dabei erläutert Brodnig die Verfahren, mit denen einerseits Andersdenkende übertönt, überwältigt, diskreditiert und zum Schweigen gebracht werden sollen und mit denen andererseits Meldungen und Meinungen gestreut, verbreitet und so unter Gleichgesinnten präsentiert werden, dass sie unabhängig von Wahrheit oder Triftigkeit als Bestätigung wirken.

          Ingrid Brodnig: „Hass im Netz“. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können. Brandstätter Verlag, Wien 2016. 232 S., br., 17,90 €.

          Auch Brodnig beschäftigt die Tendenz mancher Menschen, in der digitalen Diskussion alle Anstandsregeln außer Acht zu lassen. Auch sie stellt fest, dass die erbitterten Kämpfer bei persönlichen Begegnungen erstaunlich umgänglich wirken. Doch ihr Fokus liegt bei den Opfern. Wann ist es ratsam, auf solche Angriffe überhaupt zu antworten? Welcher Tonfall, welche Formulierungen haben sich dabei bewährt? Wann ist die Konfrontation außerhalb des Netzes geboten, wann und mit welchen Belegen ist sogar eine Anzeige sinnvoll? Sorgfältig gibt Ingrid Brodnig Antworten auf die Fragen vieler, die das Netz als Medium konstruktiver Diskussion schätzen und verteidigen wollen. Dass in den Leserdiskussionen vieler Online-Zeitungen die jüngsten Beiträge als erste angezeigt und bei Facebook die vielbeachteten am weitesten verbreitet werden, erschwert die Sache zusätzlich, stellt Brodnig fest. Doch auch den sozialen Netzwerken nützen die unbezahlten Demütigungspraktikanten.

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