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Hartmut Rosa: Beschleunigung und Entfremdung : Läuft alles viel zu schnell heute!

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Bild: Suhrkamp

Und danach kommt gleich die neue Achtsamkeit: Hartmut Rosa versammelt Einsichtiges über die Beschleunigung des Lebens und macht damit nicht wirklich neugierig auf die Theorie, die noch folgen soll.

          Die Diagnose scheint evident: In Alltag und Beruf wird alles immer schneller. Schnelles Essen hat einen eigenen Namen erhalten, „fast food“, und der Mittagsschlaf lässt sich angeblich schneller und ebenso effektiv gestalten, wenn man „power napping“ praktiziert. Man zieht häufiger um, Computer rechnen ohnehin immer schneller, und Wissenschaftler schreiben immer mehr und in forciertem Tempo, um als berufungswürdig zu gelten. Der in Jena lehrende Soziologe Hartmut Rosa widmet sich diesem Phänomen seit seiner im Jahr 2005 unter dem griffigen Titel „Beschleunigung“ bekannt gewordenen Habilitationsschrift mit Vorliebe. Auch sein neues Buch „Beschleunigung und Entfremdung“ schreibt das Wissenschaftsprojekt fort. Zugleich erweitert es Rosa und macht es, auch durch das übersichtlichere Format, leichter fasslich.

          Rosa möchte die Relevanz soziologischer und sozialphilosophischer Fragestellungen unterstreichen, indem er die Auswirkungen der in der Spätmoderne eingetretenen sozialen Beschleunigungsprozesse auf die alte Frage nach dem guten Leben betont. Dabei steht für ihn fest, dass gerade diese absichtlichen und zielgerichteten Prozesse einem guten Leben hinderlich sind, denn sie bewirken in seiner Sicht jene Entfremdung, die Karl Marx als Resultat einer arbeitsteiligen Gesellschaft erkannte. Der Untertitel „Entwurf einer Kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit“ zeigt gleich an, dass Rosa außer auf Marx und einige weitere Klassiker der Sozialphilosophie und Soziologie besonders auf die Frankfurter Schule rekurriert. Dem aufklärerischen Ideal persönlicher Autonomie bleibt er wie diese verbunden.

          Schrumpfung von Zeit und Raum

          Die technische Beschleunigung und als Folge derselben die des sozialen Wandels und des Lebenstempos untergraben die Autonomie, meint er. Rosa betrachtet sie als Schattenseite der Aufklärung und ihrer Dialektik, als neue Form des Totalitarismus, welche die von Hermann Lübbe diagnostizierte „Gegenwartsschrumpfung“ bewirkt. Die beschleunigte Norm erscheine wie alle Zeitnormen als objektiv und werde (meistens) nicht als sozial konstruiert erlebt. Unter fortwährendem Termindruck verpassten Menschen in nahezu allen entwickelten Ländern schier ihr selbstbestimmtes Leben. Zwar erwähnt Rosa auch „Entschleunigungsoasen“, natürliche, die einem eigenen Tempo folgen, oder ideologische, die andere Lebensrhythmen propagieren, doch änderten sie nichts am allgemeinen Trend.

          Dieser Trend zeige erst, „worum es in der Moderne eigentlich geht“. Die beschleunigten Prozesse und Produktivkräfte bewirkten eine Schrumpfung von Zeit und Raum, welche die persönlichen Freiheiten nicht erhöhten, wozu sie ja eigentlich durchaus das Potential gehabt hätten. Nicht zuletzt ihretwegen hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten auch die politische und sozioökonomische Sphäre zunehmend auseinanderbewegt. Wirtschaftliche, vor allem finanzwirtschaftliche, Prozesse haben ein Tempo erreicht, das die notwendigerweise bedächtigen politischen Entscheidungsfindungen weit hinter sich lässt. Plausibel klingt das alles durchaus, Rosa verwendet indes nicht viel Mühe darauf, die These durch konkrete Beispiele weiter zu belegen.

          Ausdruck von Be- oder Entschleunigung

          Auch was die Fortschreibung einer Kritischen Theorie und Verknüpfung mit der Frankfurter Schule betrifft, begnügt sich der Autor mit eher generalisierenden Einschätzungen. Jürgen Habermas’ Ideal eines herrschaftsfreien Diskurses, der nur dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ folgt, teilt Rosa durchaus, er betont aber, dass die derzeitige Verfasstheit von Wissenschaft und Politik Schwierigkeiten mit diesem Ideal belege, weil ein solcher Diskurs viel Zeit benötigt. Und mit der steigendenden Komplexität von Hintergründen und Folgen von Entscheidungen erhöht sich der Zeitbedarf weiter. Ergänzungsbedürftig sei auch Axel Honneths Theorie sozialer Anerkennung. Sie bleibe blind für gegenwärtige Veränderungen, wenn sie nicht realisiere, dass die soziale Norm der Geschwindigkeit auch die Verteilung von Anerkennung beeinflusse: „Der Schnellere gewinnt und profitiert, der Langsamere verliert und fällt zurück“, wie Rosa feststellt.

          Zu den Schnell- und Vielschreibern zählt Rosa zwar (noch) nicht unbedingt. Dass er sein zuerst auf Englisch publiziertes Buch nicht selbst in seine Muttersprache übertragen hat, lässt aber wohl darauf schließen, dass auch er sich dem von ihm analysierten Phänomen nicht ganz zu entziehen vermag. In die Zukunft weist sein Buch auch in dieser Hinsicht. Die häufigen Wiederholungen von Argumenten und auch Zitaten, die man im Text findet, mag man als Rastplätze nehmen, von denen aus man zurückblicken und überlegen kann; falls das gelingt, hat das Buch seinen Sinn wohl erfüllt.

          Schließlich ist die Sinnkategorie auch so eine Sache, die nach Rosa von der fortwährenden Beschleunigung verschlungen zu werden droht. Je nach Perspektive positiv oder negativ, als Ausdruck von Be- oder Entschleunigung, mag man zudem nehmen, dass Rosa am dichtesten dort argumentiert, wo er im Wesentlichen die Erträge seiner großen Studie aus dem Jahr 2005 rekapituliert. Die eigentliche Kritische Theorie wäre erst noch zu leisten, räumt er freimütig ein und verfällt auch gern in den aus angloamerikanischen Sachbüchern vertrauten Plauderton. Es gilt also wohl, der ganzen Theorie möglichst gelassen entgegenzusehen.

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