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Hartmut Pogge von Strandmann: Imperialismus vom Grünen Tisch : Imperialismus mit zivilisatorischem Sendungsbewusstsein

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Bild: Verlag

Der deutsche Kolonialismus wird seit einiger Zeit von der Geschichtsforschung wiederentdeckt. Hartmut Pogge von Strandmanns Geschichte des Kolonialrats schließt dabei an eine ältere Tradition an.

          Das Interesse an der Geschichte des deutschen Kolonialismus hat eine erstaunliche Entwicklung genommen. Vor gut einer Dekade noch interessierte sich fast niemand für das kurzlebige deutsche Kolonialreich in Afrika, China und im Pazifik. Dies hat sich inzwischen grundlegend geändert. Kolonialforschung hat hierzulande Konjunktur. Die koloniale Erfahrung wirkte, so besagen die neueren Ansätze, in vielfältiger Weise auf Deutschland zurück, auch nach dem 1919 durch den Versailler Vertrag besiegelten „Verlust“ der Kolonien.

          So manchen Historikern ist die Wiederentdeckung des Kolonialismus für die deutsche Geschichte nicht geheuer. Hans-Ulrich Wehler etwa wunderte sich, warum ein „realgeschichtlich derart sekundäres Phänomen wie die kurzlebige deutsche Kolonialgeschichte ein solches Interesse auf sich zu ziehen vermag“. Wehlers vor genau vierzig Jahren publizierte Habilitationsschrift „Bismarck und der Imperialismus“ drehte sich um die heute gern behandelte Frage nach der metropolitanen Bedeutung des Kolonialismus. Sie war Teil einer kritischen Analyse des Kaiserreichs, die nicht zuletzt im Gefolge der „Fischer-Kontroverse“ die bundesrepublikanische Geschichtswissenschaft der sechziger und siebziger Jahre prägte.

          Eine bisher wenig genutzte Quellenbasis

          In diesem Kontext entstanden einige grundlegende Werke zum deutschen Kolonialismus aus der Feder sowohl west- als auch ostdeutscher Historiker. Letztere besaßen das Privileg, über uneingeschränkten Zugang zu den in Potsdam lagernden Akten des Reichskolonialamtes zu verfügen. Hartmut Pogge von Strandmann war in den frühen sechziger Jahren Mitarbeiter von Fritz Fischer in Hamburg, wechselte dann aber nach Oxford, wo er mit einer - unveröffentlicht gebliebenen - Untersuchung über den Kolonialrat promoviert wurde und bis zu seiner Emeritierung vor einigen Jahren lehrte. Nun legt er ein Buch über die deutsche Kolonialpolitik vor, das den Kolonialrat in den Mittelpunkt stellt. Dieses 1891 gegründete Beratungsgremium für Reichstag und Regierung versammelte am kolonialen Projekt interessierte Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Finanz und Mission, die sich durch ihre Mitgliedschaft erhofften, kolonialpolitische Entscheidungen in Berlin beeinflussen zu können. Zu Recht hebt Pogge von Strandmann hervor, dass es erstaunlicherweise noch immer keine systematische Studie zum Kolonialrat gibt; erstmals zieht er systematisch bisher wenig genutzte Quellenbestände heran.

          Auf dieser Grundlage zeichnet der Autor akribisch die Entstehungsgeschichte des Kolonialrates sowie dessen Betätigungsfelder nach. Er zeigt die durchaus unterschiedlichen Interessen seiner Mitglieder, die sich freilich einig waren in ihrem Glauben an die zivilisatorische Superiorität der Europäer. Die Kolonisierten wurden vornehmlich als Mittel zur wirtschaftlichen Ausbeutung eingestuft, die zur Arbeit erzogen werden mussten. Diese Einstellung teilten grundsätzlich auch die Missionare, wenngleich sie sich gelegentlich zu Verteidigern afrikanischer Interessen aufschwangen und Kolonialkritiker im Deutschen Reich mit Material versorgten.

          Kaum neue Einsichten

          Die Untersuchung des Kolonialrats verknüpft Pogge von Strandmann mit einer umfassenden Darstellung der deutschen Kolonialinteressen und der damit verbundenen Strategien und politischen Maßnahmen. Die neuerdings vielbeschworene Kulturgeschichte des Politischen ist seine Sache jedoch nicht. Der Autor konzentriert sich auf den „grünen Tisch“, auf die Ausarbeitung kolonialpolitischer Richtlinien in Berlin. Das komplexe Herrschaftsgefüge in den Kolonien selbst interessiert ihn weniger, die Kolonisierten geraten kaum in den Blick.

          Die Konflikte über politische und ökonomische Maßnahmen, die Kungeleien der Koloniallobbyisten auf den Hinterbühnen der Berliner Politik, die in der Kolonialpolitik oft frappante Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, all dies wird kenntnisreich und quellennah beschrieben. Den zahlreichen interessanten Details zum Trotz, bietet die Studie aber in ihren grundsätzlichen Ergebnissen hingegen kaum neue Einsichten. In gewisser Weise atmet sie noch das historiographische Parfüm der sechziger und siebziger Jahre.

          In seinem knappen Schlusskapitel nimmt Pogge von Strandmann jedoch Bezug auf eine neuere, kontrovers geführte Diskussion über die Kontinuität des deutschen Kolonialismus im NS-Regime, insbesondere in Bezug auf die Expansion in Osteuropa. Er sieht bei allem Unterschieden auch deutliche Zusammenhänge: „Anstelle von Kolonien und Interessensphären trat die Beherrschung eines osteuropäischen Großraums, der dem Dritten Reich als Kolonie angegliedert werden sollte.“ Der deutsche Imperialismus sei von einer Ausrichtung auf Übersee auf den osteuropäischen Kontinent umgepolt worden.

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