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Hartmut Leppin: „Justinian - Das christliche Experiment“ : Auch die Größe der Mönchszellen war dem Kaiser nicht gleichgültig

Bild: Verlag

Der Imperator in seinem Labyrinth: Hartmut Leppins Studie über Justinian erzählt ein spätantikes Herrscherleben als Bildungsroman mit Widersprüchen.

          4 Min.

          Justinian hat eine schlechte Presse in letzter Zeit. Dem Mittelalter galt er noch, zumal nach der Wiederentdeckung seines Gesetzeswerks im Westen, als einer der größten römischen Kaiser; Dante steckt ihn ins Paradies und lässt ihn die traurige Gegenwart Italiens beklagen, Raffael malt sein Bild in den Stanzen des Vatikans, und noch Ranke spricht mit Respekt von ihm. Aber schon Gibbon schmäht ihn als christlichen Fanatiker, Burckhardt rümpft die Nase über seine Tyrannei, und das zwanzigste Jahrhundert lässt ihn fast gänzlich in den Kulissen des „Justinianischen Zeitalters“ verschwinden.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dessen spätantiker Glanz wiederum, an den die modernen Historiker von Charles Diehl bis Berthold Rubin immerhin noch geglaubt haben, zerfällt in Mischa Meiers funkelnder Studie über „Das andere Zeitalter Justinians“ von 2003 in lauter frühbyzantinische Asche. Justinian, so kann man Meiers desillusionierende Untersuchung zusammenfassen, war keineswegs der „letzte Römer“, als der er oft dargestellt wurde, sondern vielmehr spätestens seit den Natur- und Kriegskatastrophen um das Jahr 540 herum der erste konsequente Byzantiner, mit dem die Herrschaft des imperialen Realitätsprinzips endet und die Epoche der wundertätigen Ikonen und betenden Kaiser beginnt.


          Herrscherleben als christliches Experiment

          Gegen diese Lesart meldet nun Hartmut Leppins Justinian-Biographie vorsichtig Einspruch an. Nicht, dass Leppin den Kaiser aus der christlichen Perspektive entlassen und ihn, wie manche angelsächsischen Historiker, in stärker antikisierenden Farben malen würde. Im Gegenteil, er bannt ihn noch fester in den religionsgeschichtlichen Rahmen: Als „christliches Experiment“, als Vierzigjahresplan zur Umgestaltung der klassischen Welt liest Leppin Justinians gesamtes langes Herrscherleben. Nur dass er dessen Etappen weniger an äußeren Ereignissen wie Kriegen, Pest und Erdbeben festmacht als an den inneren Wandlungen des kaiserlichen Reformwillens. Bei Mischa Meier erscheint Justinian vor allem als Reagierender, als hilfloser Passagier des steuerlosen Reichsschiffs in stürmischer See. Leppin will ihn nun wieder ans Steuer zurückholen. Das gelingt nur teilweise.

          Die Schwierigkeit, Justinians Handeln genau zu fassen, ist in den historischen Quellen angelegt. Bei Prokop, dem Hauptzeugen der Epoche, erscheint der Kaiser mal als großzügiger Mäzen (“De aedificiis“), mal als ferner Kriegsherr (“Bella“), mal als dämonischer Verderber der Welt (in der berüchtigten „Geheimgeschichte“). Johannes Lydos beschreibt ihn mit dem Blick des enttäuschten Verwaltungsbeamten, Johannes von Ephesos mit dem des religiösen Abweichlers, Johannes Malalas betrachtet ihn aus der Distanz eines Chronisten der Heilsgeschichte. Ein schlüssiges Charakterbild ist aus diesen widersprüchlichen Mitteilungen kaum zu gewinnen. Leppin, Ordinarius für Alte Geschichte in Frankfurt, behilft sich damit, dass er die rankünehaften Übertreibungen und Parteilichkeiten so weit wie möglich ausblendet. Bei ihm erscheint Justinian als administrativer Aktivist, der jeden Aspekt des Alltags im oströmischen Reich unter seine Kontrolle bringen will.


          Justinian wollte ein reichseinheitliches Dogma

          Vom Erbrecht für uneheliche Kinder über die Größe der Mönchszellen in den Klöstern bis zur Datierungspraxis gab es nichts, was der Regulierungswut des Kaisers entging. Auch die Rechtssammlung der Digesten, die, unter Leitung des Heiden Tribonian entstanden, noch in klassisch-antiker Tradition steht, und der christlich akzentuierte Codex Iustinianus mit der Zusammenfassung des Kaiserrechts drücken diesen Wunsch nach Vereinheitlichung aus. Justinian fühlte sich durchaus nicht als Spätling, vielmehr wollte er, wie man heute sagen würde, sein Regime „fitmachen“ für die Beherrschung der christlichen Ökumene.

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