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Hartmut Leppin: „Justinian - Das christliche Experiment“ : Auch die Größe der Mönchszellen war dem Kaiser nicht gleichgültig

Die Entwicklung des Christentums selbst sorgte dafür, dass dieser Anspruch scheiterte. In der Spätantike schlugen sich die Gläubigen die Köpfe ein über der Frage, ob Christus nur Gott, nur Mensch oder beides sei und ob seine zwei Naturen vermischt oder unvermischt in ihm bestünden. Der Eifer, mit dem Justinian ein reichseinheitliches Dogma durchzusetzen versuchte, trieb den Zerfallsprozess noch voran. Die koptische ebenso wie die syrisch-jakobitische Kirche bildeten in seiner Regierungszeit erste Strukturen im Untergrund. Das ganze Dilemma von Justinians theokratischer Herrschaft offenbart sich in der Tatsache, dass er 542 einen Dissidenten, den Miaphysiten Johannes von Ephesos, nach Kleinasien schicken musste, um die dortigen Heiden zu bekehren. Glaubenseifer und Staatstreue, Charisma und Orthodoxie fielen in Ostrom jahrhundertelang auseinander. Dieselben Kräfte, auf die das Reich sich stützte, untergruben es zugleich.

Die Kriege und Eroberungen Justinians, seine Reconquista-Feldzüge in Italien, Spanien und Nordafrika, bestimmen bis heute das populäre Bild dieses Kaisers. Leppin räumt ihnen vergleichsweise geringen Raum ein. Insofern folgt er einer nach Osten zentrierten Perspektive, in der die Zerstörung Antiochias durch die Perser wichtiger erscheint als die Rückeroberung Roms durch den oströmischen Feldherrn Belisar. Ob Justinian diese Sicht geteilt hat, darf man bezweifeln. Der einzige in alter Form abgehaltene Triumphzug unter seiner Regierung galt der Befreiung Nordafrikas von den Vandalen. Allerdings fuhr der siegreiche Belisar nicht hoch im Wagen durch Konstantinopel, sondern musste zu Fuß gehen. Der Auftritt des Triumphators folgte schon dem Schrittmaß der Bußprozession.

Wahr ist allerdings, dass Justinian den Gotenkrieg in Italien nach ersten Erfolgen sträflich vernachlässigte. Leppin ist nicht der erste Biograph, der diese Wendung mit der „justinianischen Pest“ in Zusammenhang bringt, der großen Epidemie, die ab 541 in stets neuen Schüben den Mittelmeerraum entvölkerte und bis ins ferne Britannien Schrecken verbreitete. Überhaupt folgt Leppins Buch im zweiten Teil immer deutlicher den Pfaden Mischa Meiers, der freilich dieselben Sachverhalte zugespitzter beschrieben hat.

Der alternde Kaiser wird zum Grübler

Auch bei Leppin wird der alternde Kaiser, an seiner weltgeschichtlichen Mission irre geworden, immer mehr zum Grübler und Büßer, dessen politischer Ehrgeiz in der Umarmung der Religion erstickt. Die letzte Regierungskampagne des Greises gilt einer heute vergessenen Sekte, den Aphthartodoketisten, die an die Unverletzlichkeit des Leibes Christi glauben. Justinian stirbt, bevor ein neuer Dogmenstreit sein Reich zerreißen kann.

Leppins Biographie ist der ehrenwerte Versuch, ein antikes Kaiserleben trotz aller Widersprüche in den Quellen noch einmal als individuelles, quasi als Bildungsroman zu erzählen. Aber am Ende treten an ihrem Helden gerade diejenigen Züge hervor, die für das Zeitalter insgesamt charakteristisch sind: der Glaubenseifer, der Hang zur metaphysischen Spekulation, die Verschmelzung antiker Formen mit christlichen Inhalten. Daraus lässt sich auch für die Gegenwart etwas lernen: Hören wir auf, im Privatleben der Mächtigen zu wühlen. Fragen wir lieber, wofür sie stehen.

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