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Hartmut Böhme und Beate Slominsky: Das Orale : Den Mund ganz schön voll genommen

Bild: Wilhelm Fink Verlag

Die längst überfällige kulturwissenschaftliche Eroberung des Mundraums ist vollzogen. Der Band „Das Orale. Die Mundhöhle in Kulturgeschichte und Zahnmedizin“ führt in der Gefilden unserer Kauhöhlen ein.

          Die Einleitung in den vorliegenden Sammelband hat uns fast von seinen Beiträgen abgelenkt („Das Orale“. Die Mundhöhle in Kulturgeschichte und Zahnmedizin. Hrsg. von Hartmut Böhme und Beate Slominsky. Wilhelm Fink Verlag, München 2013. 346 S., Abb., geb., 39,90 €). Diese „Einführung in die Mundhöhle“ bietet Programmatisches zur längst fälligen kulturwissenschaftlichen Eroberung des Mundraums.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn der harrt noch einer Behandlung, welche allererst seine „Leistungen, Dynamiken und Bedeutungsgeschichten“ erkundet. Zahnärzte, Kieferchirurgen und Ernährungsexperten mögen zwar ihre fachlichen Herangehensweisen ans Orale ausgebildet haben. Aber Phänomenologen, Linguisten oder Regisseure - nämlich in „Filmen, die Zähne zum visuell bedeutenden Handlungs-Element machen“ - haben ganz andere.

          Wird schon so sein, denkt man - und an den eigenen Zahnarzt, den man tatsächlich eher nicht im Verdacht hat, Husserl zu lesen. Aber solche Lässigkeit übersieht eben die Kluft, die es zu füllen gilt. Denn erst „Interdisziplinarität, die über die wechselseitige Kenntnisnahme der beteiligten Fächer hinausgeht, macht das komplexe Organensemble des Mundraums begreiflich“. Wovon dann auch die Zahnärzte etwas haben, denn sie erfahren solcherart, „in welchem ebenso sensiblen wie polyfunktional leistungsstarken Raum sie täglich arbeiten“.

          Damit ist dann auch der „Optimierung zahnmedizinischer Praxis“ gedient. Was man sich aber nicht zu konkret, also mit Blick auf den Besuch beim Zahnarzt vorstellen darf, denn festzuhalten ist nun einmal: „Der Mundraum geht nicht in der Zahnmedizin auf.“

          Der „performative Zungen-Kuss“ 

          Das wollen wir aber doch hoffen und denken etwa gleich an den Beitrag, den die beiden Herausgeber, der emeritierte Kulturwissenschaftler und die Zahnärztin mit eigener Praxis - überdies Gründerin des zahnmedizinischen Fortbildungsinstituts „Wissenschaft und Kultur“ - gemeinsam zum „performativen Zungen-Kuss“ beisteuern. Es geht denn auch um viel mehr, letztlich um die „zweite Geburt“. Weil unbestreitbar ist, dass konstitutive Leistungen des Menschen ihre primären Bedingungen und Ausformungen im Mundraum erfahren.

          Hier angekommen, muss man konzedieren, dass die Befreiung der Beine aus der alleinigen Zuständigkeit von Sportmedizinern, Orthopäden, Strumpfherstellern oder Schönheitschirurgen vielleicht wirklich weniger Potential hätte (obwohl, wenn man’s bedenkt - Stichwort aufrechter Gang - da anthropologisch auch eine Menge drinsteckt, Klüfte auf jeden Fall).

          Ein großzügig ausgestatteter Bildband

          Aber die Kosmetiker und Schönheitschirurgen sind natürlich bei Zähnen und Gebiss ohnehin mit im Boot, das Thema „Zeitlichkeit der Zähne“ leuchtet unmittelbar ein und dass die Funktionen des Mundraums (glücklicherweise) komplex sind, hatten wir schon. Die zum interdisziplinären guten Zweck zusammengeführten Zahnärzte und Geisteswissenschaftler, assistiert von einigen Schriftstellern, haben also ein weites Feld.

          Wir können diese Weite nur durch ein paar willkürlich ausgewählte Stichworte andeuten: James Bonds „Beißer“, Cunnilingus, Drachen (mundhöhlendurchbohrt), Dracula, Ethik (der Zahnheilkunde), der Goldzahn, Märtyrerzungen (herausgerissene), Perlzähnchen (Herzmanovsky-Orlando!), Psychodynamik (der Mundhöhle), Schlingen und Würgen (bei Schlingensief), Historische Semantik (der Zähne), Traumsymbolik (der Zähne), Zähneknirschen, Zahn der Zeit, zeitgenössische Kunst (diverse). Zudem hat man einen großzügig ausgestattenen Bildband vor sich.

          Wir gehen davon aus, dass die beteiligten Kulturwissenschaftler nun alle in besten zahnärztlichen Händen sind. Aber Gebrechlichkeiten haben noch so viele andere Angriffspunkte als nur die Zähne. Und wollen Hautärzte, Kardiologen oder Urologen wirklich hinter den Zahnärzten zurückstehen? Es kann das nur ein Beginn gewesen sein.

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