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: Harry Graf Kessler und der Stein der Weisen

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Wenn man so nachdenkt über das, was man gerade gelesen hat; wenn man die vielen Namen, die Orte und die fernen Zeiten im Gedächtnis behält, während man durch unsere winterliche Gegenwart spaziert, dann kann es leicht passieren, daß der Kopf einen seltsamen Fehler produziert."Was liest du gerade", ...

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          Wenn man so nachdenkt über das, was man gerade gelesen hat; wenn man die vielen Namen, die Orte und die fernen Zeiten im Gedächtnis behält, während man durch unsere winterliche Gegenwart spaziert, dann kann es leicht passieren, daß der Kopf einen seltsamen Fehler produziert.

          "Was liest du gerade", fragt ein Freund.

          "Ach, die Tagebücher von Harry Graf Potter", antwortet man, leicht zerstreut, und während man nach einer Entschuldigung für den Versprecher sucht, merkt man, daß man sich für so etwas gar nicht entschuldigen muß.

          Denn Harry Graf Kessler ist der Harry Potter des deutschen Bildungsbürgertums - oder zumindest jener Intellektuellen, deren Gegenwartsbeschreibungen meistens zu Verlustanzeigen werden und deren Hoffnungen, spätestens seit dem EU-Beitritt der mittel- und osteuropäischen Staaten, darauf hinauslaufen, daß das neue Europa dem alten möglichst ähnlich sehen möge, dem Europa der Belle Époque, des Fin de siècle, jener Welt, die im Ersten Weltkrieg unterging, der Welt von Harry Graf Kessler, dem Zauberer.

          Harrypotterhaft an diesem Grafen war nicht nur das Tempo, mit dem er sich durch diese Welt bewegte - heute Berlin, morgen Paris, übermorgen London und gleich wieder zurück, so als reiste er auf dem fliegenden Besen und nicht mit der Eisenbahn (über die er sich niemals beschwert, was Kesslers Tagebücher auch zu einer Pflichtlektüre für den Herrn Mehdorn macht). Harrypotterhaft, also übermenschlich, waren generell die Möglichkeiten dieses Mannes, was allerdings weniger mit Magie als mit einem sehr großen Vermögen zusammenhing. Und harrypotterhaft ist nicht zuletzt die Rezeption, die in Kesslers Welt eine Magie vermutet, welche die Harry-Potter-Gemeinde in jenem Zauberreich gefunden hat, welches für die Uneingeweihten immer unsichtbar bleibt.

          Harry Kessler, um den Helden kurz einmal vorzustellen, war ein Graf von zweifelhafter Legitimität - der alte Kaiser Wilhelm hatte sich, fast achtzigjährig, in Harrys schöne und sehr bürgerliche Mutter, eine irische Offizierstochter, verguckt; was dazu führte, daß Harrys bürgerlicher Vater, allen Standesregeln zum Trotz, eines Tages ein Graf war; Bankier blieb er aber im Hauptberuf, und als er starb, waren genügend Mittel vorhanden, um den Sohn vom Zwang zu regelmäßiger Arbeit zu befreien. Harry Graf Kessler studierte Jura, interessierte sich aber mehr für die Künste, und wenngleich er ein paar Jahre lang die Kunstzeitschrift "Pan" herausgab, eine Zeitlang als Museumsdirektor und auch als Diplomat arbeitete, bestand, zumindest in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, seine wesentliche Tätigkeit darin, unterwegs zu sein und berühmte Leute zu treffen. Und daß er siebenundfünfzig Jahre lang mit großer Disziplin das Protokoll dieser Reisen und Begegnungen in sein Tagebuch schrieb, hatte offenbar mit dieser sehr flüchtigen Existenz zu tun: Zwischen dem 1. Januar und dem 1. Februar 1912 war, nur zum Beispiel, Kessler in London, in Paris, in Bremen und wieder in Paris, traf Max Reinhardt, Edward Gordon Craig, George Bernard Shaw, Gabriele D'Annunzio, Aleister Crowley, Henry van de Velde, und man kann sich ganz gut vorstellen, daß ihm das alles zum sozialen und kommunikativen Rauschen wurde, aus welchem sich erst im Moment der Niederschrift ein paar klare Stimmen und präzise Konturen herausschälten.

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