https://www.faz.net/-gr3-7hk8s

Harel Shapira: Waiting for José : Sie wollen einem Land dienen, das sie im Kern für verrottet halten

  • -Aktualisiert am

Bild: Princeton University Press

Amerikas freiwillige Miliz, die an der Grenze zu Mexiko gegen illegale Einwanderer vorgeht: Der Soziologe Harel Shapira ist mit den Minutemen auf Patrouille gegangen.

          Harel Shapira, ein aus Israel stammender Amerikaner, der zurzeit an der University of Texas at Austin Soziologie lehrt, hat ein ebenso kluges wie kontroverses Buch geschrieben, das gänzlich unsoziologisch daherkommt. Es handelt von den Minutemen, einer fremdenfeindlichen, im rechtsextremen politischen Spektrum der Vereinigten Staaten angesiedelten Bewegung, die sich als Freiwilligenmiliz versteht und an der langen Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko die reguläre Border Patrol durch eigene Patrouillen im Kampf gegen die illegale hispanische Migration in den amerikanischen Südwesten unterstützt.

          Dabei kommt es dem jungen Soziologen nicht so sehr auf die politischen Ideen und die etwas verquere Weltanschauung der Minutemen an, sondern auf ihre Alltagspraktiken, ihre Rituale und die sinnstiftenden Erzählungen, Mythen, die sie sich und anderen erzählen, um ihr Handeln zu legitimieren.

          Was treibt diese Menschen an?

          Wie ein Ethnologe oder kulturanthropologischer Ethnograph nähert er sich den Milizionären, als handelte es sich um einen indigenen Stamm. Mit Hilfe einer methodisch sorgfältig kontrollierten teilnehmenden Beobachtung und eines Mindestmaßes an ansprechend durchgeführter theoretischer Reflexion auf der Basis von Clifford Geertz, Pierre Bourdieu und Mary Douglas nähert sich Shapira in mehreren Anläufen seiner Untersuchungsgruppe.

          Der Autor schließt sich ihnen an, nimmt an den nächtlichen Patrouillengängen teil und erlebt die ganze Langeweile ihrer offenkundig sinnlosen Existenz. In all den Monaten, in denen er sie begleitet, können sie kaum ein Dutzend illegaler Migranten am Grenzübertritt hindern. Aber seine Untersuchung hat einen ganz entscheidenden Vorteil: Er redet mit den Minutemen - und nicht über sie. Auf diese Weise gewinnt er Perspektiven, die einem bei oberflächlich-ideengeschichtlicher Betrachtungsweise oder im üblichen Modus moralischer Empörung verborgen bleiben.

          Was eigentlich treibt diese Menschen an - ganz überwiegend Männer jenseits des fünfzigsten Lebensjahrs aus dem amerikanischen Arbeitermilieu des Mittelwestens, geschieden oder verwitwet mit Kindern an einem College oder einer Universität? Frauen finden sich in der männlich dominierten Welt ihrer Camps und Stützpunkte selten, beim Wachdienst überhaupt nicht. Und tatsächlich: Die Aktivitäten der Minutemen dienen der Selbstvergewisserung dieser Männer. Fast alle haben in Vietnam oder den Golfkriegen als Soldaten gedient.

          Bewahrer mexikanischer, „unschuldiger“ Weiblichkeit

          Sie glauben, ihrem Land zu dienen, obwohl sie zugleich davon überzeugt sind, die Vereinigten Staaten seien im Kern verrottet. Deswegen bewachen sie eine Grenze, hinter der angeblich der Verfall lauert, verteidigen eine Gesellschaftsordnung, die nach ihrer eigenen Überzeugung gar nicht mehr existiert. Dabei lassen sie die längst vergangene Romantik und Kameradschaft des militärischen Lagerlebens sowie seine Routinen und internen Hierarchien zu neuem Leben erstehen.

          Obendrein fühlen sie sich als Bewahrer mexikanischer, „unschuldiger“ Weiblichkeit, indem sie vorgeben, junge mexikanische Frauen vor der Vergewaltigung und Ermordung durch die Coyotes, die berufsmäßigen Schlepperbanden, zu bewahren. Im nächsten Atemzug aber erklären sie, dieselben, von ihnen beschützten Frauen hätten kein anderes Ziel, als die Vereinigten Staaten mit mexikanischen Babys zu überschwemmen, um das Land wieder für ihre Rasse zurückzugewinnen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimapaket der Regierung : Worauf sich die Koalition geeinigt hat

          Die Spitzen der Koalition haben sich auf eine Klimastrategie geeinigt. Künftig müssen für CO2-Ausstoß Zertifikate gekauft werden, der Plan einer CO2-Steuer ist dafür vom Tisch. Für Bürger sollen im Gegenzug einige Entlastungen kommen.

          Verfassungsschutz bei Youtube : Humor gegen Dschihadismus

          Nordrhein-Westfalens Verfassungsschutz will den Salafismus dort bekämpfen, wo er bisher freie Hand hatte: in der Youtube-Welt der Jugend. Ein Satire- und ein Informationsformat klären über das Thema auf.
          Millionen Zuschauer wollen die Fußball-Nationalmannschaft spielen sehen. Doch auf welchem Sender können sie das künftig?

          Telekom kauft alle Live-Rechte : Fußball-EM 2024 erstmals ohne ARD und ZDF

          Die Telekom hat sich die Live-Rechte an allen 51 Spielen der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland im Jahr 2024 gesichert. Das hat die F.A.Z. exklusiv erfahren. Damit gehen die Öffentlich-Rechtlichen Sender ARD und ZDF erstmals leer aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.