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Himmelsscheibe von Nebra : Alles für die Legitimation der Eliten

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Zwei Kilo Bronze, dreißig Gramm Gold: die Himmelsscheibe von Nebra Bild: Juraj Lipták/LDA Sachsen-Anhalt

Zeitmessung ist Macht: Harald Meller und Kai Michel untersuchen die soziale und politische Bedeutung der Himmelsscheibe von Nebra in der Bronzezeit.

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          Die Himmelsscheibe von Nebra ist nicht nur ein einzigartiges Objekt aus der Bronzezeit, sie ist auch der Auslöser einer faszinierenden Forschung, an der seit nun zwanzig Jahren die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen beteiligt sind. Nachdem Harald Meller und Kai Michel vor drei Jahren in ihrem Buch „Die Himmelsscheibe von Nebra“ diese Forschung und ihre Ergebnisse einem breiten Publikum vorgestellt haben, erscheint mit „Griff nach den Sternen“ ein reich illustrierter Band, der die Himmelsscheibe erstmals in das bronzezeitliche Panorama vor rund 3800 Jahren einordnet. Er stellt uns die sozialen und politischen Veränderungen einer Welt vor, die bis in unsere Gegenwart nachwirken.

          Die Methoden und theoretischen Grundlagen der modernen Archäologie erlauben eine immer tiefere Reise in die Vergangenheit. Sie ermöglichen aber auch eine immer bessere Auseinandersetzung mit unserem eigenen Gesellschaftsverständnis, da sie uns vor Augen führen, dass vieles, was uns heute selbstverständlich erscheint, vor nicht allzu langer Zeit unter besonderen Bedingungen entstanden ist. In dieser Hinsicht gehört die Bronzezeit zu den entscheidenden Wegmarken der Geschichte Europas und Asiens, im Gegensatz zu allen anderen Kontinenten, wo es diese Periode nie gab oder sie, wie im Falle Afrikas südlich der Sahara, übersprungen wurde.

          Woher kam das astronomische und mathematische Wissen?

          Damals bildeten sich in manchen Regionen Europas ausgeprägte soziale Hierarchien. Neue Formen von Herrschaft entstanden. Erst in diesem Kontext wird die Himmelsscheibe von Nebra verständlich. Angefertigt wurde sie in der mitteldeutschen Aunjetitz-Kultur zwischen 1800 und 1750 vor Christus mit der damals besten Schmiedetechnik, die durch Vorbilder aus der Ägäis inspiriert zu sein scheint. Das Zinn für ihre Bronze stammte aus dem englischen Cornwall, woher auch das Gold der Himmelskörper kam. Nachdem sie über mehrere Generationen verwendet und wiederholt umgestaltet wurde, vergrub man sie um 1600 vor Christus auf dem Mittelberg bei Nebra.

          Harald Meller und Kai Michel: „Griff nach den Sternen“. Nebra – Stonehenge – Babylon: Reise ins Universum der Himmelsscheibe.
          Harald Meller und Kai Michel: „Griff nach den Sternen“. Nebra – Stonehenge – Babylon: Reise ins Universum der Himmelsscheibe. : Bild: Propyläen Verlag

          Die Himmelsscheibe ist das älteste bekannte Instrument der Menschheit, um einen Kalender zu erstellen und somit Zeit exakt in Jahren zu messen. Die dafür angewandte Methode, die auf der Bronzescheibe festgehalten worden ist, war damals wahrscheinlich nur in Mesopotamien bekannt. In diesem Kontext stellen sich zwei Fragen, denen wir intensive Forschungen zur Himmelsscheibe und zur wirtschaftlichen Kraft, sozialen und politischen Struktur sowie Ideologie ihrer Kultur verdanken: In welcher Art von Gesellschaft wird die verlässliche Zählung der Jahre, und eben nicht nur die für die Landwirtschaft wichtige Bestimmung von Jahreszeiten, so bedeutsam, dass man sie auf gut zwei Kilogramm Bronze und rund dreißig Gramm Gold kodiert? Und: Wie kam man im Herzen Mitteleuropas an das notwendige astronomische und mathematische Wissen aus Mesopotamien?

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