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Hans von Storch, Werner Krauß: Die Klimafalle : Wissenschaft ist nicht Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln

Bild: Hanser Verlag

Wer den Hockeyschläger schwingt: Der Klimaforscher Hans von Storch betrachtet mit dem Ethnologen Werner Krauß seine Zunft von außen - und liest ihr die Leviten.

          4 Min.

          Eine Warnung vorweg: Auch wenn Titel und insbesondere Untertitel anderes zu versprechen scheinen - dieses Buch ist keine Erbauungslektüre für „Klimaskeptiker“. Wer sich nicht vorstellen kann, dass die Abgase unserer Zivilisation einen problematischen Einfluss auf die globale Wetterstatistik haben, und auf Unterstützung seiner Position hofft, wird von den Autoren bitter enttäuscht. Denn auch und gerade für den Naturwissenschaftler des Duos, Hans von Storch - gelernter Physiker, angesehener Klimastatistiker und Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtzzentrum in Geestacht bei Hamburg -, gibt es an der Realität des menschengemachten Klimawandels keinen plausiblen Zweifel. Das Kohlendioxid aus unseren Schloten und Auspuffrohren ändert das Weltklima, und das zum Nachteil zumindest eines Teils der Weltbevölkerung - sofern darauf nicht angemessen reagiert wird.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Frage ist allerdings, wie darauf reagiert werden soll. Und hier ist von Storch dezidiert anderer Ansicht als manche seiner Fachkollegen, die besondere öffentliche Aufmerksamkeit genießen und des Warnens nicht müde werden. Sie warnen vor der Katastrophe, sollte aus ihrer Forschung nicht bald die für sie einzig denkbaren Konsequenzen gezogen werden: Regierungen müssen sich auf eine Reduktion der globalen Treibhausgasemissionen einigen und diese mit Hinweis auf die wissenschaftliche Evidenz durchsetzen. Das Muster ist also: Forscher finden heraus, Politiker handeln, Diskussion überflüssig, denn die Handlungsaufforderung kommt ja nicht von Bürgerinitiativen, Verbänden, Gewerkschaften oder der Kirche, sondern von der Wissenschaft.

          Die beschränkte Vorstellungswelt der „Warner“

          Diese Überhöhung der Wissenschaft als etwas über alles Soziale, über alle interessen- und wertgeleiteten Diskurse Erhabenes verkennt völlig, was Forschung ist und wie sie funktioniert. Auch dort, wo sie sich als Naturwissenschaft mit der harten materialen Außenwelt beschäftigt, ist diese Beschäftigung eine soziale Veranstaltung, geprägt und beeinflusst von kulturellen Traditionen, politischen wie ökonomischen Randbedingungen und, ja, von Werten.

          Nun ist das allerdings keine ganz neue Erkenntnis. Aber es ist ein nicht geringeres Verdienst Hans von Storchs und Werner Krauß’, dies nun für den Fall der aktuellen Klimaforschung gut lesbar und fokussiert aufgezeigt zu haben. Sicherlich nicht zuletzt durch die Mitwirkung des Kulturwissenschaftlers Krauß hat das Ganze eine angemessene anthropologische Tiefenschärfe, ohne dem Leser mit entsprechendem Fachjargon zu behelligen. Und mit Hans von Storch spricht ein intimer Kenner der aktuellen Klimaforscherszene, der es sichtlich genießt, in seiner Position auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nehmen zu müssen - und der es trotzdem schafft, sich unfairer Polemik gegen nicht ganz so glücklich aufgestellte Kollegen weitgehend zu enthalten.

          Auf der sachlichen Ebene indes fahren die Autoren schweres Geschütz auf. Ihr Vorwurf: Statt einfach nur ihren Job zu tun, das Klimasystem und seine Reaktion auf den Treibhausgaseintrag zu erforschen und der Politik Handlungsoptionen aufzuzeigen, suggerierten nicht wenige Klimaforscher der Öffentlichkeit, ihre Befunde determinierten eindeutig, wie nun zu handeln sei. Dass aber in unterschiedlichen Regionen und verschiedenen Kulturen Risiken unterschiedlich bewertet und abgewogen werden und solche Abwägungen Gegenstand demokratischer Meinungsbildung mit offenem Ergebnis sein können und dürfen - all das komme in der Vorstellungswelt der „Warner“ nicht vor.

          Methodenkritik nutzt den Erzgegnern

          Politik werde so verwissenschaftlicht, aber nicht im Sinne einer besseren Information von Entscheidung, sondern als deren Ersatz durch die Befunde der Forscher. Da politische Entscheidungen aber Interessen berühren und wissenschaftliche Befunde immer Unsicherheiten unterliegen, schlägt die Verwissenschaftlichung der Politik schnell in eine Politisierung der Wissenschaft um, die dieser früher oder später die Glaubwürdigkeit kostet.

          Erste Symptome für eine Politisierung der Klimaforschung haben von Storch und Krauß bereits ausgemacht. In ihren Augen zeigen bestimmte interne Äußerungen einiger Klimaforscher, die 2009 durch gehackte E-Mails einer britischen Forschungseinrichtung publik wurden, dass zwar nicht wissenschaftliche Ergebnisse selbst, aber doch deren Präsentation in der Öffentlichkeit von politischen Rücksichten beeinflusst waren. Vor allem aber bei der Debatte um die sogenannte „Hockeyschläger-Kurve“ hat es solche Interferenzen gegeben, und Hans von Storch erfuhr sie am eigenen Leibe. Die Kurve stellt die Entwicklung der Durchschnittstemperatur auf der Nordhemisphäre während der letzten tausend Jahre dar, und ihr plötzlicher Anstieg seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts macht das Problem so anschaulich, dass sie zu einer Ikone der „Warner“ wurde. Im Jahr 2004 hatten von Storch und Mitarbeiter die Methode, mit der die Hockeyschläger-Kurve entstanden war, einer Kritik unterzogen und mussten sich daraufhin von einigen klimabesorgten Fachkollegen den Vorwurf anhören, damit würden sie doch ihren Erzgegnern, den „Skeptikern“ und deren Publikum, in die Hände spielen.

          Anpassungsmaßnahmen an das Unvermeidbare

          Hans von Storchs Motivation zu dem Buch, wie auch dem damit zusammenhängenden Blog „Die Klimazwiebel“, den er mit Krauß und einigen anderen Mitstreitern seit 2009 betreibt, dürfte sich nicht unwesentlich aus dieser seiner Erfahrung mit den Verteidigern des „Hockeyschlägers“ speisen. Doch es gibt noch ein anderes Motiv, das am Ende des Buches deutlich wird. Hans von Storch, der von der Insel Föhr im nordfriesischen Wattenmeer stammt, hat noch vor Augen, wie die Bewohner seiner Heimat Mitte der achtziger Jahre mit einem Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer zwangsbeglückt werden sollten. Die Legitimation lieferten Ökosystemforscher, die so taten, als sei die nordfriesische Küste eine Wildnis - und nicht eine Landschaft, die durch die Wechselwirkung von Natur und Klima in Gestalt von Sturmfluten sowie Deiche bauenden, Land gewinnenden Menschen überhaupt erst entstanden ist.

          Wie dann im Gefolge durch gegenseitige Aufklärung - also auch der Naturschützer über die Möglichkeiten und Interessen der regional Betroffenen - daraus ein Unternehmen wurde, das sowohl auf die Umwelt als auch auf die Menschen Rücksicht nahm, das könnte, so die Autoren, als eine „Blaupause“ dafür dienen, wie in der Klimafrage verfahren werden kann: Statt globaler Dekretierung von Klimazielen regional differenzierte Strategien, die nicht nur CO2 -Reduktionen durch jeweils vor Ort verfügbare erneuerbare Energiequellen umfasst, sondern auch dezidiert Anpassungsmaßnahmen an die bei Lichte besehen sowieso unvermeidlich höheren Temperaturen und Meeresspiegel der Zukunft.

          Dem Buch wäre daher vor allem zu wünschen, die „Warner“ unter den Klimaforschern und Aktivisten mögen bis zu diesem letzten Kapitel durchhalten und es nicht vorher schon genauso verärgert in die Ecke legen, wie mancher enttäuschte „Skeptiker“ es sicher tun wird.

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