https://www.faz.net/-gr3-77g2j

Hans von Storch, Werner Krauß: Die Klimafalle : Wissenschaft ist nicht Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln

Methodenkritik nutzt den Erzgegnern

Politik werde so verwissenschaftlicht, aber nicht im Sinne einer besseren Information von Entscheidung, sondern als deren Ersatz durch die Befunde der Forscher. Da politische Entscheidungen aber Interessen berühren und wissenschaftliche Befunde immer Unsicherheiten unterliegen, schlägt die Verwissenschaftlichung der Politik schnell in eine Politisierung der Wissenschaft um, die dieser früher oder später die Glaubwürdigkeit kostet.

Erste Symptome für eine Politisierung der Klimaforschung haben von Storch und Krauß bereits ausgemacht. In ihren Augen zeigen bestimmte interne Äußerungen einiger Klimaforscher, die 2009 durch gehackte E-Mails einer britischen Forschungseinrichtung publik wurden, dass zwar nicht wissenschaftliche Ergebnisse selbst, aber doch deren Präsentation in der Öffentlichkeit von politischen Rücksichten beeinflusst waren. Vor allem aber bei der Debatte um die sogenannte „Hockeyschläger-Kurve“ hat es solche Interferenzen gegeben, und Hans von Storch erfuhr sie am eigenen Leibe. Die Kurve stellt die Entwicklung der Durchschnittstemperatur auf der Nordhemisphäre während der letzten tausend Jahre dar, und ihr plötzlicher Anstieg seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts macht das Problem so anschaulich, dass sie zu einer Ikone der „Warner“ wurde. Im Jahr 2004 hatten von Storch und Mitarbeiter die Methode, mit der die Hockeyschläger-Kurve entstanden war, einer Kritik unterzogen und mussten sich daraufhin von einigen klimabesorgten Fachkollegen den Vorwurf anhören, damit würden sie doch ihren Erzgegnern, den „Skeptikern“ und deren Publikum, in die Hände spielen.

Anpassungsmaßnahmen an das Unvermeidbare

Hans von Storchs Motivation zu dem Buch, wie auch dem damit zusammenhängenden Blog „Die Klimazwiebel“, den er mit Krauß und einigen anderen Mitstreitern seit 2009 betreibt, dürfte sich nicht unwesentlich aus dieser seiner Erfahrung mit den Verteidigern des „Hockeyschlägers“ speisen. Doch es gibt noch ein anderes Motiv, das am Ende des Buches deutlich wird. Hans von Storch, der von der Insel Föhr im nordfriesischen Wattenmeer stammt, hat noch vor Augen, wie die Bewohner seiner Heimat Mitte der achtziger Jahre mit einem Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer zwangsbeglückt werden sollten. Die Legitimation lieferten Ökosystemforscher, die so taten, als sei die nordfriesische Küste eine Wildnis - und nicht eine Landschaft, die durch die Wechselwirkung von Natur und Klima in Gestalt von Sturmfluten sowie Deiche bauenden, Land gewinnenden Menschen überhaupt erst entstanden ist.

Wie dann im Gefolge durch gegenseitige Aufklärung - also auch der Naturschützer über die Möglichkeiten und Interessen der regional Betroffenen - daraus ein Unternehmen wurde, das sowohl auf die Umwelt als auch auf die Menschen Rücksicht nahm, das könnte, so die Autoren, als eine „Blaupause“ dafür dienen, wie in der Klimafrage verfahren werden kann: Statt globaler Dekretierung von Klimazielen regional differenzierte Strategien, die nicht nur CO2 -Reduktionen durch jeweils vor Ort verfügbare erneuerbare Energiequellen umfasst, sondern auch dezidiert Anpassungsmaßnahmen an die bei Lichte besehen sowieso unvermeidlich höheren Temperaturen und Meeresspiegel der Zukunft.

Dem Buch wäre daher vor allem zu wünschen, die „Warner“ unter den Klimaforschern und Aktivisten mögen bis zu diesem letzten Kapitel durchhalten und es nicht vorher schon genauso verärgert in die Ecke legen, wie mancher enttäuschte „Skeptiker“ es sicher tun wird.

Weitere Themen

Im Schatten Alter Meister

Künstlerinnen um 1800 : Im Schatten Alter Meister

Therese aus dem Winckel kennt heute kaum jemand mehr. Die Lebensgeschichte der Malerin und Musikerin macht deutlich, welche engen Grenzen Künstlerinnen in der Zeit um 1800 gesetzt waren.

Geschlossene Gesellschaft

Roman „Ein Wintermahl“ : Geschlossene Gesellschaft

Drei Wehrmachtssoldaten wollen der Hölle des Zweiten Weltkriegs entkommen, aber diese ist ein geschlossener Raum: In Hubert Mingarellis Roman „Ein Wintermahl“ bleibt keiner unschuldig.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.