https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/hans-ulrich-gumbrechts-buch-provinz-17614401.html

Über die Provinz : Wo Dumpfheit und Kultur nah beieinander liegen

  • -Aktualisiert am

In diesem Licht muss das Denken einfach zulegen: der Campus der Stanford University Bild: Picture Alliance

Der Weltgeist weilt im Silicon Valley: Hans Ulrich Gumbrecht gibt Auskunft über die Provinz, elektronische Kommunikation und das eigene Leben.

          3 Min.

          Es beginnt mit der Enge des Tals und endet mit der Apotheose des nordkalifornischen Lichts. „Ohne großen Lokalpa­triotismus aufgewachsen, habe ich fast das ganze Leben in Provinzstädten verbracht, mit den üblichen Einbrüchen von Sehnsucht nach einer Metropole“, schreibt Hans Ulrich Gumbrecht, der bis 2018 Komparatistik an der Stanford University lehrte. Schon sein 2012 erschienenes Buch „Nach 1945“ ließ sich als eine Art Autobiographie lesen, die zugleich Skizze einer Mentalitätsgeschichte der frühen Bundesrepublik aus der Sicht der Nachkriegsgeneration war.

          Jetzt hat Gumbrecht ein Buch vorgelegt, das über weite Strecken wie die Fortsetzung und Vertiefung dieser Skizze wirkt. Davon zeugt etwa die Schilderung des Erdkundelehrers (wir befinden uns an einem Würzburger Gymnasium), der sich in dunklen Andeutungen über „das Kultusministerium und die Sieger“ und deren verordnete Geschichtsauffassung ergeht, was Gumbrecht wie folgt kommentiert: „. . . mit dem Nachhall von Treue zum Nationalsozialismus war unsere Generation noch allemal konfrontiert.“ Das Gegenbild ist der Französischlehrer, dem es „um das verkörperte Dasein der anderen Alltagskultur“ ging und der von so manchen Schülern bewundert wurde, „weil er die Enge des Tals zerbrach – so dass ihn niemand ersetzen konnte, als er auf einer Busreise nach Dijon den plötzlichen Herztod starb“.

          Berlin setzt unbeirrt auf die Inszenierung seiner Vergangenheit

          „Provinz“ ist der Titel von Gumbrechts Essay, der Begriff „Provinz“ ist dabei doppelt zu verstehen, zum einen meint er Orte der Dumpfheit und Enge, zum anderen Orte kultureller und intellektueller Verdichtung. Ohne den Gegenpol einer Metropole gibt es keine Provinz, denn es braucht die Hauptstadt, damit in angemessener geographischer Nähe die Möglichkeit „der Entfaltung, ja der Explosion von Intelligenz“ bestehen kann. Ox­bridge, Salamanca, Bologna/Padua, Coimbra, Lund und Aarhus sind die Beispiele, die Gumbrecht anführt. Ein deutsches Äquivalent zu diesen Orten gebe es nicht, „sondern nur eine offene Reihe von Universitätsstädten ohne Muster der räumlichen Verteilung“.

          Hans Ulrich Gumbrecht: „Provinz“. Von Orten des Denkens und der Leidenschaft.
          Hans Ulrich Gumbrecht: „Provinz“. Von Orten des Denkens und der Leidenschaft. : Bild: Zu Klampen Verlag

          Es fallen die Namen Göttingen, Marburg, Heidelberg, Tübingen, nach 1960 Bielefeld, Konstanz, Bochum, auch Siegen: Stationen auf dem Weg des Wissenschaftlers Gumbrecht. Dass bei ihnen der Gegensatz zur Hauptstadt keine prägende Rolle spielt, liegt unter anderem daran, dass diese deutsche Hauptstadt ihre Funktion nur mit einer Unterbrechung von immerhin viereinhalb Jahrzehnten wahrnehmen konnte und Berlin heute, wie Gumbrecht formuliert, „unbeirrt, unnachgiebig und beflissen weiter auf die Inszenierung seiner Vergangenheit setzt“.

          Wenn der Raum aus unserem Leben eliminiert wird

          Die Musealisierung der klassischen Metropolen betrifft allerdings nicht Berlin allein, sondern auch Städte wie Paris, Rom oder Madrid. Sie hängt zusammen mit einem neuen Typus der „Riesenstadt außerhalb Europas, welche die Metropolen des literarischen Realismus zu Museen gemacht hat“. Für die Riesenstadt „gibt es keine Provinz als Gegenüber oder Ergänzung, kein markantes Anderes und vor allem kein Ende“, heißt es mit Blick auf São Paulo.

          Weil die elektronische Kommunikation uns jederzeit „allgegenwärtig“ macht, verliere der Raum seine konkrete Bedeutung und werde „aus unserem Leben eliminiert“. Deshalb führt Gumbrecht seine Leser im letzten Kapitel in die „suburbane Erlösung: Silicon Valley“ und stellt im Anschluss an Hegel die Frage, an welchem Ort sich gegenwärtig der Weltgeist wohl aufhalte. Die Antwort liefert er gleich selbst: „Hegel . . .  würde auf Silicon Valley und seine Programmierer setzen.“

          Eine Hommage ans Ruhrgebiet

          Am Ende stellt sich Gumbrecht die Frage, warum die Vor- und Nachdenker einer Technologie, die die Bedeutung des Raums „drastisch herabsetzt“, im Silicon Valley bleiben, obwohl die Arbeit für Google oder Facebook überall auf der Welt geleistet werden könnte. Er zählt einige mögliche Erklärungen auf, von der Nähe des Pazifiks bis zu gastronomischer Spitzenklasse. „Was aber den Unterschied ausmacht, von dem die Kraft der Aufmerksamkeit und des Denkens kommt, weiß ich schon seit dem ersten nordkalifornischen Tag meines Lebens im Frühjahr 1980. Es ist das Licht.“

          Gumbrechts Essay ist im Grunde eine Autobiographie, die gleichwohl viel mehr enthält als Informationen zum Werdegang des Autors: eine Betrachtung des europäischen Romans zwischen 1830 und 1900 mit Blick auf das Bild, welches er von der Provinz zeichnet, eine Hommage an das Ruhrgebiet, eine amüsante Charakteristik des sogenannten „Rollkoffer-Berliners“, eine Analyse von Spitzweg als dem idyllischen Lieblingsmaler der Deutschen, eine Apologie Heideggers als großem Denker. Der Essay endet nicht mit dem kalifornischen Licht, sondern mit der beiläufigen Äußerung eines Stanford-Kollegen – „I think we peaked“ – und der sich daran anschließenden Frage, was nach der suburbanen Erlösung noch kommen könnte. Antwort offen.

          Hans Ulrich Gumbrecht: „Provinz“. Von Orten des Denkens und der Leidenschaft. Zu Klampen Verlag,Springe 2021. 224 S.,geb., 22,– €.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Herbert Reul im Jahr 2021

          Herbert Reul im Interview : „Die Grenzen zwischen den Szenen verwischen“

          Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) spricht im Interview mit der F.A.Z. über die gefährliche Melange aus Rechtsextremisten, „Reichsbürgern“ und Delegitimierern. Die Verbindungen zur AfD wundern ihn nicht
          Außenministerin Annalena Baerbock steigt am 9. Dezember 2022 am Flughafen von Dublin in den Airbus der Flugbereitschaft der Bundeswehr.

          Baerbocks Besuch in London : Die Schadensbegrenzung muss warten

          Eigentlich wollten sich die deutsche Außenministerin und ihr britischer Kollege viel Zeit für ihre Gespräche nehmen. Doch ein Wintereinbruch in Dublin bringt ihre Pläne durcheinander – statt nach London fliegt Baerbock zurück nach Berlin.

          WM-Aus für Brasilien : Neymar erst magisch, dann menschlich

          Superstar Neymar schenkt der Fußballwelt gegen Kroatien einen besonderen Moment, als er Brasilien in der Verlängerung in Führung schießt. Doch Kroatien gleicht aus und bezwingt die Seleção im Elfmeterschießen.
          „Helden Russlands“: Putin stößt mit Soldaten nach ihrer Auszeichnung am 08. Dezember 2022 im Kreml an.

          Russlands Ukrainekrieg : Prosit für Putin

          Moskaus Gerichte verurteilen einen Oppositionellen nach dem anderen. Und Russlands Präsident verleiht Auszeichnungen wie am Fließband. Weiterhin behauptet der Kreml, auf dem einzig richtigen Kurs zu sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.