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Hans Peter Riegel: Beuys. Die Biographie : Dr. Steiner hat schon alles gewusst

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Bild: Aufbau Verlag

Seine Kunstpraxis war zwar provozierend modern, doch sein Weltbild speiste sich aus anachronistischen und abstrusen Vorstellungen: Hans Peter Riegels Biographie von Joseph Beuys räumt mit falschen Idealisierungen des Künstlers gründlich auf.

          Fluxus“ nannte sich eine anarchistische Bewegung der Nachkriegskunst, die dem Dadaismus der Vätergeneration Flügel verlieh. Fluxus wollte die hergebrachte Kunst in Aktionen und Prozessen „verflüssigen“ und sie bis zur Überwältigung und Neuerfindung der Wirklichkeit steigern. Joseph Beuys (1921-1986), der in den sechziger Jahren an dieser Bewegung partizipierte, ging darin vielleicht am weitesten. Er machte die Parole, dass Kunst in Leben aufgehen solle, umkehrbar und unterwarf das Leben (vor allem sein Leben) seinen bizarren Ideen und Sendungsphantasien. Schon der junge Beuys arbeitete am Entwurf eines anderen Lebens, er erfand für sich fiktive Rollen und bearbeitete systematisch sein exzentrisches Image.

          Jetzt sorgt eine neue kritische Beuys-Biographie von Hans Peter Riegel, die mit aufklärerischem Furor, zugleich großer Präzision Punkt für Punkt, Etappe für Etappe und Auftritt für Auftritt die Lebenserzählung des rheinischen Mystikers mit den akribisch recherchierten Fakten abgleicht, für einige Aufregung. Sein Buch ergänzt das fortschrittlich-heroische Bild des Avantgardisten um einige seltsame, auch dunkle Seiten. Schon vor zwölf Jahren verfärbte sich das Bild, es rührte sich erste Häme, als der Künstler Jörg Herold Beuys’ Berichte von seinem Kriegspilotenschicksal, vor allem die von ihm so liebevoll gepflegte „Tatarenlegende“, überprüfte und zerzauste.

          Rollenfiktionen und mythische Phantasien

          Danach hatte sich Beuys’ angebliches Schlüsselerlebnis, der Absturz seines Kampfflugzeugs im Winter 1944 über der Krim, prosaischer zugetragen, als es der mythenselige Künstler schilderte: dass ihn tatarische Nomaden geborgen, seine Wunden in ihrem Zelt mit Tierfett gesalbt und ihn in Filz gewickelt hätten. Die Wirklichkeit war banaler: Der abgeschossene Bordschütze und Navigator kam in ein Lazarett, es gab damals keine Nomaden mehr auf der Krim, und auch die viel umrätselte Kopfverletzung samt Silberplatte war wohl eine pathetische Erfindung.

          Solche Enthüllungen zerstören nicht die produktive Seite einer Legende, mit der Beuys sein Schaffen, die Rituale, Symbole und Materialien entwickelt und aufgeladen hat. Sie ist damit der fiktiven Ebene zuzuordnen und substantieller Teil des Werks. Die Tradition solcher Künstlerlegenden reicht zurück bis in die Antike. Die Inquisitoren von heute hantieren mit einem Wahrheits- und Korrektheitsmaßstab, wo man es mit Rollenfiktionen und mythischen Phantasien zu tun hat. Gerade in der Moderne - von Malewitsch bis Mondrian, von Breton bis Newman - wimmelt es von Mythenbildungen, von angemaßten Propheten- und Priesterrollen und herrischen Gesetzgeber-Attitüden.

          Philanthrop oder Monomane?

          Beuys, zweifellos ein Guru, war von seiner Mission, vom „Auftrag höherer Wesen“ besessen. Er ging schon unter den Schülern der Düsseldorfer Akademie auf Menschenfang aus, suchte Proselyten, bildete - zunächst in betäubenden schamanistischen Séancen - Gemeinden, übte sich später in gesellschaftspolitischen Monologen und Diskursen, erfand eine imaginäre „Hochschule für Kreativität und Interdisziplinäre Forschung“, die sich interkontinental verzweigen und einen Kindergarten und ein „Kreativitätszentrum für alte Menschen“ einschließen sollte (“Free International University“), und versuchte in tragisch-vergeblichem Werben sogar, eine Partei zu gründen. Beuys suchte am Ende Anschluss bei den Grünen und über sie einen Einstieg in den Bundestag, was scheitern musste, da sich der Künstler nicht demokratisch einzugliedern vermochte, sondern stets Anspruch auf spirituelle Führung und Herrschaft erhob.

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