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Hans Peter Duerr: „Die Fahrt der Argonauten“ : Was haben die Kreter auf Pellworm verloren?

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Bild: Verlag

Hekatomben von offenen Fragen: Hans Peter Duerr errichtet auf der Fährte der Argonauten einen Materialberg.

          Lange Zeit gab in der Homerforschung die sogenannte analytische Richtung den Ton an. Die Epen wurden in ältere, am Ende zu je einer Großdichtung zusammengenähte Teilerzählungen zerlegt. Auch Hans Peter Duerrs neuestes Buch kann man gut durch diese Brille lesen.

          Eine erste Geschichte erzählt vom Autor, dem Bremer Professor für Ethnologie und Kulturgeschichte, der mit einer treuen Schar von Studierenden das nordfriesische Rungholtwatt zwischen Pellworm und Nordstrand begeht, um eine im Spätmittelalter bei einer Sturmflut ausgelöschte Siedlung zu untersuchen. Für eine Bergung etwaiger Funde hat die Gruppe offenbar keine Genehmigung; so kommt es nach Bekanntgabe zu einem Kleinkrieg nicht nur mit den zuständigen schleswig-holsteinischen Landesarchäologen - der Autor beschreibt in einem reichlich idiosynkratischen Nachwort die Reaktionen auf seine vor sieben Jahren erschienene erste Monographie zum Thema als eine Mischung aus Totschweigen und Verleumdung.

          Durch Frankreich über Flüsse und Land

          Aufsehen erregt die Angelegenheit, weil der Gelehrte ohne zureichende Dokumentation der Funde und Fundumstände erklärt, dort Artefakte aus dem bronzezeitlichen Kreta zutage befördert zu haben: Keramikscherben, Siegel und Teile von Amuletten sowie einen minoischen Steinanker, der wegen seines Gewichts nicht habe geborgen werden können und inzwischen wieder vom Watt zugedeckt worden sei. Der wissenschaftliche Kern dieser Geschichte, die Vorlage und Interpretation des Materials, ist ohne eine genaue und vollständige Publikation nach den Regeln der prähistorischen beziehungsweise bronzezeitlichen Archäologie nicht überprüfbar. Das vorliegende Buch hat noch nicht einmal ein ordentliches Abbildungsverzeichnis.

          Aus diesen Funden entwickelt Duerr die These, kretische Seefahrer seien im dreizehnten Jahrhundert vor Christus nach Nordfriesland gelangt und hätten dabei nicht den langen, höchst gefährlichen Weg durch die Straße von Gibraltar und die Biskaya genommen, sondern eine viel kürzere und bessere Route durch Frankreich, über Flüsse und ein Stück zu Land. Zwar hat Duerr keinerlei Spuren eines Schiffes gefunden, doch sollte man diesen technisch-nautischen Teil seines Epos nicht von vornherein abtun. Die kretischen Schiffe dieser Zeit waren keine Schaluppen, sondern länger als die Gefährte des Kolumbus, und der Transport von zerlegten Schiffen über Land ist zeitgenössisch belegt.

          Duerr, der epische Erzähler

          Doch bleiben Hekatomben offener Fragen: Müsste es für die Passage der Schiffe über Land nicht eine Infrastruktur gegeben haben? Wie viel Bernstein und Zinn konnte man auf einer solchen Route zurückbringen? Immerhin erscheint dieser "Realienteil" der Geschichte - der sich auf dreißig Seiten hätte abmachen lassen - diskutabel, wenn auch nicht spektakulär. Abgesehen von dem im Buch weder hinreichend abgebildeten noch sonst wie dokumentierten Anker kann es sich allerdings bei allen Fundstücken um Reste von Objekten handeln, die als Handelsgüter, Geschenke, Erbstücke oder Kuriosa weit herumkamen.

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