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Hans-Martin Gauger: Das Feuchte und das Schmutzige : Wenn hinterfotzige Seckel mit Karacho ins Klo greifen

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Bild: Verlag

Beim Fluchen verwenden unsere Nachbarn sexuelle Metaphern. Der Linguist Hans-Martin Gauger geht der Frage nach, warum sich Deutsche demgegenüber an die Sphäre des Fäkalen halten.

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          Die 109. Minute im Finale der Fußballweltmeisterschaft 2006 war ein Moment, der lehrbuchartig vorführte, welche Wucht sprachliches Handeln entfalten kann: Marco Materazzi aus der italienischen Mannschaft hatte den französischen Nationalspieler Zinedine Zidane am Hemd gefasst, worauf der ihm ironisch anbot, ihm das Kleidungsstück nach dem Spiel zu überlassen.

          Materazzis Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Ich will lieber deine Schwester, die Nutte!“ Kurz darauf lag er am Boden - niedergestreckt von einem Kopfstoß Zidanes. Hans-Martin Gauger nimmt diesen italienisch geführten Kurzdialog mit seinem abrupten Übergang ins Nonverbale als Einstieg für eine erhellende und meistens auch unterhaltsame Expedition durch die Beleidigungs- und Schimpfkulturen Europas.

          Das Deutsche - so seine zentrale These - bildet in dieser Hinsicht eine Insel der Besonderheit, was auch an den von Unkenntnis geprägten Reaktionen deutscher Journalisten auf den französisch-italienischen Zusammenstoß deutlich werde: Die meisten sahen die Beleidigung darin, dass Zidanes Schwester als Prostituierte bezeichnet wurde. Doch das, erklärt Gauger, war nur ein Verstärker. Die ehrverletzende Attacke bestand vor allem in der Äußerung des Wunsches, über die Schwester - es hätte beleidigungstechnisch auch die Mutter sein können - sexuell zu verfügen.

          Reservoir der exkrementellen Beschimpfungen

          Dass das hierzulande nicht gleich erkannt wurde, liegt für Gauger vor allem daran, dass das Sexuelle im Deutschen als Reservoir für Wörter und Wendungen des Herabwürdigens, Schimpfens und Fluchens kaum genutzt wird, während es nicht nur für den Italiener Materazzi, sondern für die Sprecher vieler anderer - nicht nur romanischer - Sprachen zum jederzeit abrufbaren Repertoire gehört. Im deutschen Sprachraum hätte man in dieser Situation hingegen ein „Verpiss dich, du Arschloch!“ erwartet, denn um zu pöbeln, machen Deutsche, Österreicher und Deutschschweizer in der Regel einen „Griff ins Klo“, wie eine bezeichnende Wendung lautet. Sie bedienen sich dafür fast ausschließlich des Fäkalbereichs, wofür das Wortfeld „Scheiße“, von Gauger mit linguistischer Akkuratesse vermessen, nur ein Beispiel ist.

          Auch so scheinbar unanstößige Wendungen wie „im Eimer sein“, „zu Potte kommen“ oder „anschmieren“ gehören als Euphemismen in dieses exkrementelle Reservoir. Zwar finden sich fäkalische Fluch-Ausdrücke - von „shit“ bis „mierda“ - auch in vielen anderen Sprachen, aber sie treten dort doch zurück hinter den größeren Batterien von Kraftwörtern und -wendungen, die sich auf Sexualorgane, den Geschlechtsverkehr oder die Prostitution beziehen. Das Besondere dabei ist natürlich nicht, dass es sich um vulgäre Bezeichnungen des Geschlechtlichen handelt - solche finden sich auch im Deutschen in großer Zahl -, sondern in ihrer Instrumentalisierung für den nichtsexuellen Bereich des Beleidigens, Schimpfens, Meckerns und Verfluchens.

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