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Hans Küng: Erlebte Menschlichkeit. Erinnerungen : Es kommt kein Nichts nachher

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Bild: Verlag

Noch sind viele Rechnungen offen: Hans Küng beschließt mit dem dritten Band seine Autobiographie. Er erzählt vom Verlust der Lehrbefugnis und seiner Entdeckung des Weltethos.

          5 Min.

          Hans Küng ist - neben Joseph Ratzinger - der bekannteste, meistgelesene lebende katholische Theologe der Gegenwart. Im dritten und abschließenden Band seiner Erinnerungen berichtet er über die Jahre nach dem Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis (1979) und dem Umzug in ein fakultätsunabhängiges Institut für ökumenische Forschung an der Tübinger Universität - eine Zeitspanne, die von 1980 bis zur Mitte des Jahres 2013 reicht. Es ist ein sehr persönlicher Bericht, aber auch ein Stück kirchlicher und politischer Zeitgeschichte, daher auch der stattliche Umfang.

          Dabei denkt man als Leser natürlich zunächst an das Verhältnis zwischen Küng und den Päpsten der jüngsten Zeit. Zwischen dem Tübinger Theologen und den Päpsten waltet ja eine Art Reichsunmittelbarkeit - mit allen damit verbundenen Ambivalenzen. So schrieb Papst Paul VI., als die Glaubenskongregation zum Schlag gegen Küng ansetzte, auf die entsprechende Akte: „Deve dar un segno - er muss ein Zeichen geben“, fügte aber vorsichtig hinzu, man möge in dieser Sache „mit Liebe vorgehen - procedere con carità“.

          Haben die Nachfolger des Montini-Papstes diese Mahnung beherzigt? Johannes Paul II. gewährte in seinem langen Pontifikat dem Tübinger Theologen kein einziges Gespräch. Ironisch bezeichnete er ihn als einen „Weltpropheten“. Benedikt XVI. unterhielt sich zwar zu Beginn seiner Amtszeit vier Stunden lang in Castel Gandolfo mit seinem früheren Tübinger Fakultätskollegen; doch die kontroversen Kirchenfragen wurden vorsorglich ausgeklammert; man sprach vor allem über Küngs ökumenische und politisch-ethische Aktivitäten, über die Weltreligionen, das „Weltethos“.

          Sofortige Antwort von Franziskus

          Und Franziskus? Küng wandte sich im Mai dieses Jahres in einem Brief an ihn - und erhielt zu seiner Überraschung sofort eine Antwort, einen handschriftlichen Brief mit dem zentralen Satz „Ich bitte Sie, beten Sie für mich, denn ich habe es nötig.“ Ein Hoffnungszeichen? Noch immer ist das Verhältnis zwischen den Päpsten und dem prominentesten Papstkritiker unserer Tage, der gleichwohl Katholik, Priester, Theologe blieb (und gerade deshalb für das kirchliche Amt eine Herausforderung bildet), bis zur Stunde ungeklärt.

          „Zu neuen Ufern“, „Vorstöße in Neuland“, „Mein amerikanisches Jahrzehnt“, „Das Projekt Weltethos“ - diese Kapitelüberschriften deuten an, wie sich die Stellung des Theologieprofessors nach seiner Verurteilung durch Rom verändert hat. Küng, obwohl persönlich getroffen, ging nicht, wie manche erwartet hatten, reuig in sich. Er zog sich auch nicht zurück. Im Gegenteil: Sein Tätigkeitsfeld vervielfältigte sich. Aus dem einsamen „Ketzer“ in Tübingen - dem neuen Wittenberg, wie mancher Römer denken mochte - wurde ein theologischer Weltbürger, ein „global player“ der Religionsvermittlung.

          Das neue Universitätsinstitut bot Gelegenheit zur interdisziplinären Arbeit mit Natur- und Literaturwissenschaftlern, mit Politikexperten und Ökonomen. An die Stelle dogmatischer Theologie trat der Dialog mit Religionen und Kulturen, der Blick auf religiöse Spuren in Dichtung und Kunst der Gegenwart. Schließlich entdeckte Küng ein elementares gemeinsames Menschheitsethos, von ihm „Weltethos“ genannt - das machte seinen Namen auch bei Nichtkatholiken und Nichtchristen bekannt, brachte ihn in Verbindung mit Religionsführern in aller Welt, vom Dalai Lama bis zu Desmond Tutu, zog Politiker auf seine Seite (Henry Kissinger, Sonia Gandhi, Jimmy Carter, Tony Blair, Helmut Schmidt, Angela Merkel, Kofi Annan). Der Grundgedanke der 1995 gegründeten Stiftung Weltethos - „Kein Friede zwischen den Nationen ohne Friede zwischen den Religionen!“- wurde rasch sprichwörtlich.

          Das Studium der außerchristlichen Religionen

          Die Leser erleben mit, wie Küng in Reisen rund um den Globus, in intensiver Lektüre, in einem dichten Itinerarium und Studium das Judentum, den Islam und die Religionen Indiens und Chinas von innen kennenlernte. Er drang in die außerchristlichen Religionen und ihre Theologien ein, machte sie sich zu eigen. Das Ergebnis waren die großen Werke über die abrahamitischen Religionen und über die Weltreligionen - gewiss die wirksamsten Stücke seines literarischen OEuvres nach den aufsehenerregenden theologischen Vorstößen der Jugendzeit.

          Es war eine Entdeckungsfahrt ins Innere der Religionen und zugleich ein Zeugnis persönlicher Aneignung. Küng spricht im Buch von „seinem“ Judentum, „seinem“ Islam, „seiner“ Welt der indischen und chinesischen Religionen. Nur über die Religionen der Ozeanier, Afrikaner und Indios berichtet er ohne das besitzergreifende Pronomen. Verrät der aneignende Zugriff Hochmut? Nein, in Küngs Sicht ist es eher eine Geste des Respekts. Man muss sich Religionen zu eigen machen, argumentiert er; denn nur das Selbsterlebte, persönlich Erschlossene hat Gültigkeit - nur so kann man Religionen begreifen, nur so ihr Zusammenleben untereinander befördern.

          Freilich, der Christ, der Europäer, der einstige Dogmatiker verleugnet sich auf diesen Seiten nicht, sie machen den größten Teil des Buches aus. Die diskursive Überlegenheit des abendländischen Theologen bleibt bei aller respektvollen Lernbereitschaft überall spürbar. Auch die Lebens- und Genussfreude des Globetrotters, willkommene Entschädigung für die Mühsal der Reisen, des Vordringens in schwer zugängliche Regionen, verdrängt Küng nicht - ein sympathischer Zug.

          Landschaft, mit allen Sinnen wahrgenommen

          Sorgfältig registriert er, wenn ein Schweizer Botschafter ihm in einem muslimischen Land wider die Legalität französischen Rotwein vorsetzt; wohlgefällig vermerkt er, wie er in zahlreichen Ländern wie ein Staatsgast wahrgenommen und bei Empfängen neben die Regierenden gesetzt wird; streng beobachtet er, ob die muslimischen, jüdischen, buddhistischen, hinduistischen Gesprächspartner auf Unterredungen wirklich vorbereitet sind oder ins Stottern geraten; mit allen Sinnen nimmt er chinesische, indische, afrikanische Landschaften wahr.

          Er freut sich über sein Echo, seine Erfolge, seine weltweite Anerkennung, seine Auszeichnungen, er breitet kein Schweigen über sein Renommee. An nicht wenigen Stellen spürt man den Stolz des gebürtigen Schweizers, die Selbstsicherheit des in einer alten Demokratie Erzogenen, der sich im Lauf des Lebens gegen viele Widerstände behauptet hat und der auch in der Kirche Impulse von unten, aus dem Volk, nicht von oben, vom Lehramt, erwartet.

          „Erlebte Menschlichkeit“ - so hat Hans Küng seinen Abschlussband genannt. Das Wort hat eine doppelte Bedeutung, es meint einmal die vielen Freunde, voran die alten, treu gebliebenen. Ein besonderer Dank gilt Erwin Teufel, der ihm nach dem Verlust des theologischen Lehrstuhls half und es möglich machte, dass er an der Universität blieb. Aber auch die vielen neugewonnenen Freunde, oft eine unvermutete Gefolgschaft, werden bedacht.

          Durch die Autobiographie des Kirchenkritikers - vielleicht das letzte seiner Bücher - geht eine unerwartete Wärme, eine Strömung der Dankbarkeit. Wie beim erhofften Frieden der Religionen bleibt der Verfasser auch im Umgang mit den eigenen Kritikern und Gegnern am Ende ein versöhnlicher Optimist.

          Er rechnet mit dem Sterben

          Ohne Beschönigung schildert er seine körperliche Verfassung, die ihn daran erinnert, dass zur Menschlichkeit auch die Sterblichkeit gehört. Er schwimmt zwar noch jeden Tag, aber vom alpinen Skilauf musste er Abschied nehmen. Ein Hörsturz, Rückenprobleme, erste Anzeichen der Parkinsonkrankheit setzen ihm zu. Der Tod des Freundes Walter Jens erschüttert ihn. Er lobt seine Hände, seine Ohren, seine Augen - noch tun sie ihren Dienst; aber es ist abzusehen, dass sie sich ihm eines Tages versagen werden.

          Ein Gelehrter, der nicht mehr lesen und schreiben kann? Vorsorglich ist Hans Küng von seinen Funktionen als Präsident dreier Stiftungen, darunter auch der Stiftung Weltethos, zurückgetreten. Er rechnet mit dem Sterben. Doch er sagt ganz selbstverständlich und sicher sein Ja zum ewigen Leben. Das Brechtsche „Und es kommt nichts nachher“ kehrt er einfach um - „Es kommt kein Nichts nachher.“

          Aber bleibt nicht noch allerhand ungelöst in dieser Lebensbilanz, vor allem das Dauerproblem Kirchenreform? In einem der Schlusskapitel zählt der Verfasser eine Reihe von Weltproblemen und Kirchenproblemen auf - ein enger Zusammenhang aus seiner Sicht. Die Stichworte sind bekannt: die Abkehr vom Zweiten Vatikanischen Konzil, die er bei den letzten beiden Päpsten und bei einer Vielzahl von Bischöfen diagnostiziert; das Verblassen des Glaubens bei vielen Gläubigen, weil sie die Kirche als unglaubwürdig empfinden; die mangelnde Kraft der Theologen, die vor der Aufgabe versagen, den Zeitgenossen das Credo neu zu erklären. Viele Rechnungen sind offen - auch die zwischen dem Tübinger Theologen und dem römischen Amt. Wird der Prozess um den Lehr-Entzug neu aufgenommen werden?

          Hans Küng könnte aus seinem langen Leben Gewichtiges in die Waagschale werfen: vor allem dies, dass er in seinem Werk den „katholischen“, im Wortsinn: weltumfassenden Blick auf die Religionen so intensiv erneuert hat wie wohl kein anderer Theologe unserer Zeit. In dieser Sicht der Dinge folgten und folgen ihm viele, denen kirchliche Autoritäten und Gebote nicht mehr allzu viel bedeuten. Sein Weg wurde für nicht wenige zu einer begründeten, nachvollziehbaren Alternative des Katholischseins. Die Päpste und Hans Küng - der letzte Akt in diesem Drama ist noch nicht geschrieben. Die Zeit für eine Versöhnung, eine wechselseitige Anerkennung und Verständigung wäre heute wohl reif. Dazu müssten freilich beide, der Tübinger Gelehrte und der Papst, „ein Zeichen geben“.

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