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Hans Küng: Erlebte Menschlichkeit. Erinnerungen : Es kommt kein Nichts nachher

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Er freut sich über sein Echo, seine Erfolge, seine weltweite Anerkennung, seine Auszeichnungen, er breitet kein Schweigen über sein Renommee. An nicht wenigen Stellen spürt man den Stolz des gebürtigen Schweizers, die Selbstsicherheit des in einer alten Demokratie Erzogenen, der sich im Lauf des Lebens gegen viele Widerstände behauptet hat und der auch in der Kirche Impulse von unten, aus dem Volk, nicht von oben, vom Lehramt, erwartet.

„Erlebte Menschlichkeit“ - so hat Hans Küng seinen Abschlussband genannt. Das Wort hat eine doppelte Bedeutung, es meint einmal die vielen Freunde, voran die alten, treu gebliebenen. Ein besonderer Dank gilt Erwin Teufel, der ihm nach dem Verlust des theologischen Lehrstuhls half und es möglich machte, dass er an der Universität blieb. Aber auch die vielen neugewonnenen Freunde, oft eine unvermutete Gefolgschaft, werden bedacht.

Durch die Autobiographie des Kirchenkritikers - vielleicht das letzte seiner Bücher - geht eine unerwartete Wärme, eine Strömung der Dankbarkeit. Wie beim erhofften Frieden der Religionen bleibt der Verfasser auch im Umgang mit den eigenen Kritikern und Gegnern am Ende ein versöhnlicher Optimist.

Er rechnet mit dem Sterben

Ohne Beschönigung schildert er seine körperliche Verfassung, die ihn daran erinnert, dass zur Menschlichkeit auch die Sterblichkeit gehört. Er schwimmt zwar noch jeden Tag, aber vom alpinen Skilauf musste er Abschied nehmen. Ein Hörsturz, Rückenprobleme, erste Anzeichen der Parkinsonkrankheit setzen ihm zu. Der Tod des Freundes Walter Jens erschüttert ihn. Er lobt seine Hände, seine Ohren, seine Augen - noch tun sie ihren Dienst; aber es ist abzusehen, dass sie sich ihm eines Tages versagen werden.

Ein Gelehrter, der nicht mehr lesen und schreiben kann? Vorsorglich ist Hans Küng von seinen Funktionen als Präsident dreier Stiftungen, darunter auch der Stiftung Weltethos, zurückgetreten. Er rechnet mit dem Sterben. Doch er sagt ganz selbstverständlich und sicher sein Ja zum ewigen Leben. Das Brechtsche „Und es kommt nichts nachher“ kehrt er einfach um - „Es kommt kein Nichts nachher.“

Aber bleibt nicht noch allerhand ungelöst in dieser Lebensbilanz, vor allem das Dauerproblem Kirchenreform? In einem der Schlusskapitel zählt der Verfasser eine Reihe von Weltproblemen und Kirchenproblemen auf - ein enger Zusammenhang aus seiner Sicht. Die Stichworte sind bekannt: die Abkehr vom Zweiten Vatikanischen Konzil, die er bei den letzten beiden Päpsten und bei einer Vielzahl von Bischöfen diagnostiziert; das Verblassen des Glaubens bei vielen Gläubigen, weil sie die Kirche als unglaubwürdig empfinden; die mangelnde Kraft der Theologen, die vor der Aufgabe versagen, den Zeitgenossen das Credo neu zu erklären. Viele Rechnungen sind offen - auch die zwischen dem Tübinger Theologen und dem römischen Amt. Wird der Prozess um den Lehr-Entzug neu aufgenommen werden?

Hans Küng könnte aus seinem langen Leben Gewichtiges in die Waagschale werfen: vor allem dies, dass er in seinem Werk den „katholischen“, im Wortsinn: weltumfassenden Blick auf die Religionen so intensiv erneuert hat wie wohl kein anderer Theologe unserer Zeit. In dieser Sicht der Dinge folgten und folgen ihm viele, denen kirchliche Autoritäten und Gebote nicht mehr allzu viel bedeuten. Sein Weg wurde für nicht wenige zu einer begründeten, nachvollziehbaren Alternative des Katholischseins. Die Päpste und Hans Küng - der letzte Akt in diesem Drama ist noch nicht geschrieben. Die Zeit für eine Versöhnung, eine wechselseitige Anerkennung und Verständigung wäre heute wohl reif. Dazu müssten freilich beide, der Tübinger Gelehrte und der Papst, „ein Zeichen geben“.

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