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Hans Küng: Erlebte Menschlichkeit. Erinnerungen : Es kommt kein Nichts nachher

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Das neue Universitätsinstitut bot Gelegenheit zur interdisziplinären Arbeit mit Natur- und Literaturwissenschaftlern, mit Politikexperten und Ökonomen. An die Stelle dogmatischer Theologie trat der Dialog mit Religionen und Kulturen, der Blick auf religiöse Spuren in Dichtung und Kunst der Gegenwart. Schließlich entdeckte Küng ein elementares gemeinsames Menschheitsethos, von ihm „Weltethos“ genannt - das machte seinen Namen auch bei Nichtkatholiken und Nichtchristen bekannt, brachte ihn in Verbindung mit Religionsführern in aller Welt, vom Dalai Lama bis zu Desmond Tutu, zog Politiker auf seine Seite (Henry Kissinger, Sonia Gandhi, Jimmy Carter, Tony Blair, Helmut Schmidt, Angela Merkel, Kofi Annan). Der Grundgedanke der 1995 gegründeten Stiftung Weltethos - „Kein Friede zwischen den Nationen ohne Friede zwischen den Religionen!“- wurde rasch sprichwörtlich.

Das Studium der außerchristlichen Religionen

Die Leser erleben mit, wie Küng in Reisen rund um den Globus, in intensiver Lektüre, in einem dichten Itinerarium und Studium das Judentum, den Islam und die Religionen Indiens und Chinas von innen kennenlernte. Er drang in die außerchristlichen Religionen und ihre Theologien ein, machte sie sich zu eigen. Das Ergebnis waren die großen Werke über die abrahamitischen Religionen und über die Weltreligionen - gewiss die wirksamsten Stücke seines literarischen OEuvres nach den aufsehenerregenden theologischen Vorstößen der Jugendzeit.

Es war eine Entdeckungsfahrt ins Innere der Religionen und zugleich ein Zeugnis persönlicher Aneignung. Küng spricht im Buch von „seinem“ Judentum, „seinem“ Islam, „seiner“ Welt der indischen und chinesischen Religionen. Nur über die Religionen der Ozeanier, Afrikaner und Indios berichtet er ohne das besitzergreifende Pronomen. Verrät der aneignende Zugriff Hochmut? Nein, in Küngs Sicht ist es eher eine Geste des Respekts. Man muss sich Religionen zu eigen machen, argumentiert er; denn nur das Selbsterlebte, persönlich Erschlossene hat Gültigkeit - nur so kann man Religionen begreifen, nur so ihr Zusammenleben untereinander befördern.

Freilich, der Christ, der Europäer, der einstige Dogmatiker verleugnet sich auf diesen Seiten nicht, sie machen den größten Teil des Buches aus. Die diskursive Überlegenheit des abendländischen Theologen bleibt bei aller respektvollen Lernbereitschaft überall spürbar. Auch die Lebens- und Genussfreude des Globetrotters, willkommene Entschädigung für die Mühsal der Reisen, des Vordringens in schwer zugängliche Regionen, verdrängt Küng nicht - ein sympathischer Zug.

Landschaft, mit allen Sinnen wahrgenommen

Sorgfältig registriert er, wenn ein Schweizer Botschafter ihm in einem muslimischen Land wider die Legalität französischen Rotwein vorsetzt; wohlgefällig vermerkt er, wie er in zahlreichen Ländern wie ein Staatsgast wahrgenommen und bei Empfängen neben die Regierenden gesetzt wird; streng beobachtet er, ob die muslimischen, jüdischen, buddhistischen, hinduistischen Gesprächspartner auf Unterredungen wirklich vorbereitet sind oder ins Stottern geraten; mit allen Sinnen nimmt er chinesische, indische, afrikanische Landschaften wahr.

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