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Hans-Jürgen Heinrichs: Peter Sloterdijk : Vom Mann ohne Höhenangst

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Über einen, der auszog, das Fürchten zu lehren: Hans-Jürgen Heinrichs stellt die Philosophie von Peter Sloterdijk in den biographischen Kontext.

          Gibt es eine Urszene der Philosophie? Wenn wir Aristoteles glauben - und was ein alter griechischer Philosoph sagt, ist wahr -, dann erlebt sie jeder Mensch neu: im Staunen (thaumázein). Nun hat der griechische Begriff einen positiveren Beiklang als die deutsche Übersetzung, denn staunen kann ein Deutscher auch über Dreistigkeit, Ungeheuerlichkeit oder Dummheit. Das hätte Aristoteles nicht verstanden - gestaunt hätte er darüber nicht.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Um also mit der Aristotelischen Erklärung für die Lust an seinem Fach umgehen zu können, bleiben einem deutschen Philosophen drei Wege: Er sucht nach neuen Ausdeutungen in der eigenen Sprache, die dem griechischen Vordenken eher entsprechen - das war Heideggers Methode, der die Wortbedeutung zur „Anschauung“ hin verschob. Oder er ignoriert den Unterschied, denn alles, was rätselhaft ist, taugt ja zur Aufgabe von Philosophie - das ist der Regelfall. Oder aber man macht gerade aus der Differenz eine Stärke und bringt damit das Denken neu in Bewegung - das ist Peter Sloterdijks Ansicht, dessen entsprechende These man sehr verallgemeinernd so zusammenfassen könnte: Am Anfang der Philosophie steht das Fürchten.

          Die Arbeit des Menschen an sich selbst

          Deshalb passt es, dass Hans-Jürgen Heinrichs sein Buch über Sloterdijks Philosophie mit einem Zitat aus einem gemeinsamen Gespräch einleitet, in dem Sloterdijk seinen Mut als Denker preist: „Ich habe alles gemacht, was mir am meisten unheimlich war.“ Ja, das ist philosophische Kraftmeierei, aber es steckt auch viel Erkenntnis darin. Nicht zuletzt, weil das Sloterdijksche Theoriegeflecht (den Begriff „System“ weist der gegenwärtig systematischste deutschsprachige Philosoph konsequent zurück) seinen Knotenpunkt im Augenblick der Geburt hat. Und damit in einer Grunderfahrung, die für Sloterdijk den tiefsten Einschnitt innerhalb des Lebens bedeutet.

          In seinen ersten Lebensmonaten ist der Mensch als Embryo geborgen in der mütterlichen Sphäre - ein Gedanke, dem sich Sloterdijks „Sphären“-Projekt der Jahre 1998 bis 2004 verdankt. Dieser dreibändige anthropologische Entwurf sieht eine permanente Anstrengung am Werk, eine verlorene Geborgenheit zurückzugewinnen, die in der uterinen Welt vor allem akustische Reize kannte (daher Sloterdijks Interesse für die Musik), ehe dann das Entsetzen hinzukam, das die Geburt für ein Kind bedeutet - „Entsetzen“ hier in einer Lesart nach Heideggers Methode, die sich der Mehrdeutigkeit von Begriffen bedient, indem sie auf Wortwörtlichkeit abstellt.

          Das ist indes nicht Sloterdijks Sprache. Er gehört zu den verständlichsten Philosophen, weil er nahe am Alltagssprachgebrauch bleibt. Ein schönes Beispiel dafür ist der Begriff der „Übung“ in seinem bislang letzten Großwerk „Du must dein Leben ändern“, das vor zwei Jahren erschien. Darin ist die Übung im tatsächlich allerbanalsten Verständnis zentrale Kategorie dessen, was Sloterdijk (denn doch einmal leicht affektiert) „Anthropotechniken“ nennt: die Arbeit des Menschen an sich selbst. Unausgesprochen ist natürlich auch die Philosophie selbst eine Anthropotechnik.

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