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Bücher über den Rhein : Geschichten am Strom

Im Fluss: Die Pfalz bei Kaub am Mittelrhein war einst eine Zollburg. Bild: Christian O. Bruch/Laif

Von den Quellen bis zur Mündung: Zwei Autoren gehen dem Rhein auf den Grund und finden viel mehr als Romantik. Lebendige Naturbetrachtungen und spannende Reisen in die Vergangenheit bieten allerlei Inspirationen für die nächste Reise.

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          Diesen Strom, wer wollte ihn fassen? Von den Alpen bis in die Nordsee zieht er seit Urzeiten in immer neuen Gestalten seine Bahnen und formt die Landschaft wie die Menschen an den Ufern. Naturgewalt und Kulturträger, Lebensader und Grenzfluss, Wasserstraße und romantischer Mythos: Der Rhein lässt sich nicht festlegen, jedes seiner Hochwasser – oder nun häufigeren Niedrigwasser – spottet der Form, die ihm seit der Industrialisierung aufgezwungen wurde. Versteinerte Muscheln auf von ihm geteilten Höhen lassen wissen: Wo Land ist, kann Wasser werden und umgekehrt. Alles fließt. Der von Römerstädten und Burgruinen gesäumte Fluss selbst ist die Konstante, immer gleich, immer anders – und hört als Vielbesungener, Oftbeschriebener nicht auf, mitzureißen oder in seinen Bann zu schlagen. Dazu braucht er keine Loreley.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Nicht weit entfernt von der engsten Stelle des schiffbaren Rheins, wo Clemens Brentano und Heinrich Heine auf einem steil zum nassen Gewirbel abfallenden Felsvorsprung die berüchtigte Holde mit dem Kamm im Haar platzierten, ist Hans Jürgen Balmes geboren: in Koblenz, am Zusammenfluss von Rhein und Mosel. So umarmt von Fließgewässern ist er ein echter Anrainer, der sich eine fast megalomanische Aufgabe gestellt hat. „Die Biographie eines Flusses“ lautet der Untertitel seines umfangreichen Bandes „Der Rhein“. Er ist vieles zugleich – naturkundliche Reportage, historische Erzählung, persönlicher Reisebericht –, im Grunde aber ein langer Liebesbrief des Autors an den Fluss seines Lebens. Angesichts der 1036,20 rheinischen Stromkilometer allein von Konstanz bis Hoek van Holland könnte das kongenial sein. Wo auch haltmachen bei dem gewaltigen Geschiebe, dass dieser Strom mit sich führt?

          Karl-Heinz Göttert: "Der Rhein". Eine literarische Reise.
          Karl-Heinz Göttert: "Der Rhein". Eine literarische Reise. : Bild: Reclam Verlag

          Naturbetrachtungen und Reisen in die Vergangenheit

          Balmes, Lektor und Übersetzer, hat den Rheinlauf erwandert, bereist oder im Faltboot befahren. Grundlage seiner Flussbiographie ist kein systematisches Erkunden, sondern ein Erleben, in dem sich Vergangenes und Gegenwärtiges mischen. Aus der Mitte entspringt ein Fluss: Balmes beginnt auf halber Strecke, am „Binger Loch“, wo der Oberrhein sich verengt und ins Mittelrheintal presst, hinweg über ein quer liegendes Riff, in das erst vor nicht allzu langer Zeit eine immer größere Lücke gesprengt wurde – mit weitreichenden Folgen. Aus der Naturbetrachtung entfaltet Balmes die Geschichte der Schiffbarmachung und gräbt sogleich den Brunnen der Vergangenheit, bis es nicht mehr tiefer geht: Absinkendes Gelände in dieser Gegend hat vor Jahrmillionen zur Bildung des Ur-Rheins geführt, der durch Rückwärtserosion seinen heutigen Quellen entgegenwuchs. Ein Abstecher zur Grube Messel gerät zur Zeitreise an die Ursprünge.

          Das anschließende, am alpinen Hinterrhein verortete Kapitel wird zur doppelten Quellensuche: Schalen im Fels offenbaren die räumliche wie zeitliche Selbstverortung der Steinzeitmenschen. Am Rheinfall von Schaffhausen tritt William Turner ins Bild, der die stürzenden Wassermassen Anfang des neunzehnten Jahrhunderts festhielt und auf seinen Rheinreisen die wohl schönsten Aquarellansichten des Mittelrheins schuf. Balmes folgt ihm Hunderte Kilometer stromabwärts und ist nach einem Drittel seines Buches zurück am Ausgangspunkt. Ein erster Kreis geschlossen, gelegt aus einander überlagernden Zeitebenen.

          Eiszeitmenschen und Regenpfeifer

          Dieses assoziative Ausgreifen lässt die Vieldimensionalität des Flusses als Natur- und Kulturraum aufscheinen: Balmes führt Eiszeitmenschen und Regenpfeifer zusammen, berichtet von der Sandoz-Katastrophe und den Schicksalen am Ende des Zweiten Weltkriegs, weiß von Vulkanen, Preußen, Römern, Schleppschiffern, Winzern und Dichtern, steigt in Speyers mittelalterliche Mikwe hinab und klettert auf die Düne im Mündungsgebiet mit Blick aufs Meer.

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