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Hans Joas: Die Sakralität der Person : Was kann Kant dafür, dass er kein Soziologe war?

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Bild: Verlag

Woher die Kultur der Menschenrechte kommt und wie sie sich begründen lässt: Der Sozialphilosoph Hans Joas fragt in einer geistesgeschichtlichen Studie nach der Sakralität der Person.

          5 Min.

          Unser Zeitalter der Globalisierung erlaubt zwar ein hohes Maß an kultureller Vielfalt. Für sein Leitziel, ein Zusammenleben in Frieden und Gerechtigkeit, braucht es jedoch elementare Gemeinsamkeiten. Sie heißen Menschenrechte und als deren Leitidee Menschenwürde.

          Der Soziologe und Sozialphilosoph Hans Joas nimmt sich - wieder einmal - die Zivilreligion der Moderne, ebendie Menschenrechte, vor - dieses Mal auf eine seiner Ansicht in zweierlei Hinsicht neuartige Weise. Methodisch tritt an die Stelle der beiden angeblich bislang vorherrschenden Optionen, der philosophischen und rationalen Begründung und der historisch-empirischen Genese, eine „affirmative Genealogie“. Gemeint ist eine Entstehungsgeschichte der Menschenrechte, die zugleich zur Berechtigung des Entstandenen beiträgt. Mit dieser historischen Soziologie der Menschenrechte will Joas die verbreitete Trennung von Genesis und Geltung unterlaufen. Dabei vertritt er, wogegen im Westen seit längerem Skepsis vorherrscht, ein Stück Fortschrittsgeschichte. Klugerweise bezieht er sie auf den Bereich, in dem die Skepsis am wenigsten überzeugt: auf das (schon von Kant hervorgehobene) Recht.

          Die Menschenrechte entstehen im Prozess der Sakralisierung

          Obwohl im Ausdruck „Berechtigung“ der klassische Anspruch philosophischer Begründung, die Rechtfertigung, an-klingt, gibt sich der Beitrag von Joas ausdrücklich mit deren kleinen Schwester, der Plausibilisierung, zufrieden. In der Tat lässt eine affirmative Genealogie schwerlich mehr zu. Auch wer zusätzlich auf tieferliegende kulturelle Transformationsprozesse eingeht, kann aus einer Geschichte kontingenter Erfahrungen nur Plausibilität gewinnen: dass die Menschenrechte eine echte historische Innovation sind, die den Beteiligten gleichwohl als evident erscheint.

          In der zweiten, inhaltlichen Hinsicht wendet sich Joas gegen zwei (ebenso angeblich) bislang dominante Vorstellungen: dass der Gedanke der Menschenrechte sich dem jüdisch-christlichen Erbe oder aber einer weithin antireligiösen Aufklärung verdanke. Nach der alternativen Hinsicht von Joas dagegen entstehen die Menschenrechte und deren rechtliche Verankerung in einem Prozess der Sakralisierung, der jeden einzelnen Menschen für sakrosankt, insofern heilig ansieht.

          Die entscheidenden Thesen gab es vorher schon

          Joas will also zwei bislang nicht wirklich dominante, aber doch einflussreiche Meistererzählungen durch eine neue, dritte Erzählung ablösen. Um es an einem seiner Beispiele, der Abschaffung der Folter, zu konkretisieren: Gegen den Mythos der Aufklärung, deren Muster hier der italienische Strafrechtsreformer Cesare Beccaria ist, und gegen den Formwandel der Macht nach dem Vorbild von Michel Foucault tritt der titelgebende Gedanke, die Sakralisierung der Person.

          Vielleicht gehört zur Komposition eines profilierten Werkes die Zuspitzung, sogar Überspitzung. Der Studie von Joas liegt eine rhetorisch gelungene, sogar brillante Inszenierung zugrunde, die an entsprechender Stelle zwar nicht leugnet, insgesamt aber doch in den Hintergrund treten lässt, dass die entscheidenden Thesen schon vorher vertreten worden sind. Bei einem Soziologen überrascht es nicht, dass es die Klassiker seines Metiers sind: Max Weber, Émile Durkheim und Talcott Parsons, zusätzlich der Pionier einer historischen Soziologie des Christentums, Ernst Troeltsch, und der Staatsrechtslehrer Georg Jellinek.

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