https://www.faz.net/-gr3-72aof

Hans Blumenberg: Quellen, Ströme, Eisberge : Eine Metapher bricht schon mal zusammen

  • -Aktualisiert am

Spuren einer Metapherntheorie

Geht es aber ums Wasser? Was wäre, wenn Quellen, Ströme, Eisberge nur Demonstrationsobjekte wären? Gerade im letzten Abschnitt betätigt sich Blumenberg in einem zuvor nicht bekannten Ausmaß als (auch tagesaktueller) Metaphernkritiker. Mehr noch: Dieses Buch ist in auffälliger Weise durchzogen von Kommentierungen, die allein auf die differente Funktionsweise von Metaphern zielen.

Diese Beobachtung lenkt auf eine Dimension, an welcher die Edition gerade mit der vielfach bemühten Wendung von der Werkstatt des Autors, in die man hier blicke, vorbeigeht. Womöglich haben wir nicht den Rohling noch eines weiteren, primär motivgebundenen Blumenberg vor uns, sondern eine experimentelle Studie über die möglichen Varianzen von Metaphorik, in drei exemplarischen Feldern wie in einer Laborsituation durchgeprobt. Oder gar eine Studie über metaphorologische Methodologie. Lesbar wäre das Buch dann, wenn man es anders liest: Neben der Wassersemantik oder auch den reizvollen Archivfotos von Karteikarten und Sammelstücken lohnt ein Blick auf metaphorologische Nebenbemerkungen. Wenn es welche sind.

Tatsächlich entdeckt man Spuren einer Metapherntheorie Blumenbergs - was aufregend ist, da eine explizite Theorie der Metapher bekanntlich als blinder Fleck im Werk zu gelten hat. Blumenberg hat mehrfach dazu Stellung genommen, was Metaphern und namentlich die sogenannten „absoluten“ Metaphern im Reich der Begriffe leisten: „Metakinetik geschichtlicher Sinnhorizonte“ und „Unbegrifflichkeit“ sind berühmte Stichworte. Eine Theorie der sprachlichen Funktionsweise von Metaphern hat Blumenberg jedoch ebenso wenig ausgearbeitet wie eine Theorie der Metaphern-Identifikation.

Ein Buch für Spezialisten

“Quellen, Ströme, Eisberge“ machen hier hellhörig - nicht durch Definitionen, aber durch eine Arbeitsbegrifflichkeit, in welcher akribisch studiert wird, wie das, was die Linguistik die Wiederbelebung einer toten Metapher nennt, durch „beim Wort nehmen“ oder sogar „beim Bild nehmen“ in Gang gesetzt wird. Wie die „Wiedererweckung“ eines Wortes wie Quelle „aus dem fachsprachlichen Terminus“ ungenutzte Konnotationen freisetzt. Wie eine metaphorische Bestimmung alles andere als beliebige Festlegungen trifft. Wie winzige Verschiebungen Metaphern plötzlich selbstreflexiv werden lassen. Wie Texte Metaphern „interferent“ einsetzen. Wie man eine Metapher „voll ausspielt“. Und wie eine Metapher als „Indikator“ dienen kann - oder aber versagen.

Harte Kriterien bietet Blumenberg in Sachen Metaphernkritik. Philosophische Metaphernkritik hat Metaphern weiterzudenken, muss solche gleichsam besser verstehen als sie sich selbst. Die Funktion der Metapher als solche darf nicht „ausgeschaltet und durch passendere begriffliche Leistungen ersetzt werden“, vielmehr sollten „auf dem metaphorischen Niveau selbst Verwechslungen berichtigt werden“, heißt es im Text. Reaktualisierende Umarbeitung und historische Steigerungspotentiale von Metaphern - darauf kommt es an. Terminologisierung und Remetaphorisierung sind dabei zwei Pole, zwischen denen Metaphern sich gleitend hin und her bewegen können. Auch rhetorische Effekte gelingen nicht unbedingt mittels der durchschlagenden Neuheit einer Metapher. Wirksamer verflechten sie vertraute und unerwartete Momente. Metaphern graben also Kanäle der Selbstverständlichkeit und vertiefen diese durch ständige Benutzung. Ihre Kunst und Sprachkraft verdanken sie nicht allein ihrer Exotik, sondern auch der Minimalabweichung und der Variation.

Zur Frage der Lebensbedeutsamkeit von Wassermotiven tragen solche Beobachtungen wenig bei. Wohl aber zur Schärfung einer Theorie der Metapherngeschichtsschreibung und einer Theorie der Metapher, die mit dieser korrespondiert. Blumenbergs Manuskriptgruppe enthält nicht Sammelstücke rund um ein Thema, sie zeigt ein Experimentalsystem. Ein tolles Buch also - aber eines für Spezialisten.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.