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Hans Bernhard Schmid: Moralische Integrität : Das Lachen der Versuchspersonen

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Bild: Verlag

Eine wissenschaftliche Methodik, die alle Erwartungen erfüllte: Hans Bernhard Schmid entzaubert in strenger Dramaturgie die berühmten Lernexperimente Stanley Milgrams.

          Der Sozialpsychologe Stanley Milgram führte in den Jahren 1961 und 1962 seine schnell berühmt gewordenen „Lernexperimente“ an der Yale University durch. Nach der populären Lesart wurde in ihnen der Normalmensch als potentieller Mörder entlarvt. Unter dem Druck der Versuchsanordnung seien fast zwei Drittel, nämlich 62 Prozent, der Probanden bereit gewesen, ein vorgetäuscht lernresistentes „Opfer“ mit Stromstößen bis hin zum Exitus zu malträtieren.

          Der Wiener Sozialphilosoph Hans Bernhard Schmid rollt die Geschichte dieses berüchtigten Experiments auf überzeugende Weise neu und gegen den Strich auf: Am Ende sitzt bei ihm die wissenschaftliche Methodik auf der moralischen Arme-Sünder-Bank, die Täter jedoch sind, wo nicht exkulpiert, so doch zumindest teilweise rehabilitiert.

          Luzide Sprache und strenge Dramaturgie

          Am Anfang des Buches steht die Kritik an bisherigen Interpretationen. Viele Interpreten sogen bisher aus Milgrams Experiment ihren Honig, der hohe Turm aus Büchern verdeckt fast schon die Sicht auf das Geschehen: Die „Theorie des autoritären Charakters“ etwa legt mit ihm empirische Fundamente; die Anhänger einer „sadomasochistischen Prägung“, wie sie regelhaft aus übermäßiger Anpassung folge, heben mahnend den Zeigefinger; Hannah Arendts Diktum von der „Banalität des Bösen“ geistert im Hintergrund als Wiedergänger herum; die These von der „normativen Kraft der Verhältnisse“ wird ins Feld geführt - und vieles mehr.

          Schmid nähert sich fast schon detektivisch dem Geschehen - und gibt den Ereignissen auch eine veritable Heldin: Elinor Rosenblum, die ihm in ihrer Durchschnittlichkeit als „Paradigma“ unter Milgrams Testpersonen gilt. Was wiederum dem Buch eine fast schon literarische Qualität verleiht. Überhaupt sind die luzide Sprache, die strenge Dramaturgie und der anschauliche Stil Vorzüge dieses Buches.

          Kein integeres Experiment

          Woran aber ist Elinor - und mit ihr viele andere Versuchspersonen - letztlich gescheitert? Nicht an fehlender Moral, sondern gewissermaßen an einer paradoxen Kommunikation. Sowohl der Schauspieler, der das Opfer mimte, als auch der Versuchsleiter, der nur in vorgefertigten Stanzen sprach, führten mit den bedauernswerten „Sonden“ der Versuchsreihe nie einen echten Diskurs. Sobald diese über die Moralität ihres Vorgehens mit dem Versuchsleiter zu streiten begannen, stießen sie auf eine Wand aus automatisierten Anweisungen, während das Opfer, das eben noch zu sterben vorgab, ihnen im nächsten Moment schon wieder brav und unbeeindruckt auf alle Fragen des Experiments antwortete. Wie in einer Erzählung von E.T.A. Hoffmann war jeder dieser vorgeblichen „Normalbürger als Täter“ ringsum von Automaten umgeben, die ausnahmslos vorgegebenen Text sprachen und deshalb als Adressaten von Argumenten und Einwürfen nicht taugten.

          Im Fortschreiten des Textes richtet sich das Interesse des Autors zunehmend auf den Veranstalter des Experiments, auf Stanley Milgram, der gut behavioristisch Laborratten durch Menschen ersetzte, und zwar in einer durch und durch künstlichen Situation: „Den Testpersonen wird nicht nur ein Lernexperiment und eine Lehrsituation, sondern auch eine dritte Gemeinschaftshandlung, nämlich ein Gespräch, vorgetäuscht.“ Es sind nicht die Versuchspersonen, denen es an moralischer Integrität gebricht, das Experiment selbst ist nicht integer.

          Monotone Versuchsanweisungen

          Es ist kein Wunder, dass einige Versuchspersonen, angesichts der monotonen Anweisungen des Versuchsleiters, in irres Lachen ausbrachen, während sie den Schalter erneut drehten. Die Konventionen menschlichen Verhaltens wurden durch den Versuch und vor allem durch seine Kommunikationsregime verletzt, die Situation erschien ihnen schlicht verrückt. Überspitzt formuliert: Nicht ahnungslose Individuen, sondern bestimmte Wissenschaftsstandards haben sich in Milgrams Experiment kompromittiert.

          Es gibt keine atomistische Moral, das zeigt Schmid sehr überzeugend. Moral und Integrität sind stets eingebunden in menschliche Gemeinschaftspraktiken, vor allem in kommunikatives Handeln. Und in der Trias Versuchsleiter-Versuchsperson-Opfer lässt sich kein Schuldiger sicher verorten, so lautet Schmids Resümee: „In den Begriff persönlicher Integrität gehen starke atomistische Annahmen ein. Da reale Akteure nicht umhinkönnen, sich kognitiv und praktisch in holistischen Strukturen zu bewegen, sind sie sozusagen grundsätzlich kompromittierbar. Was das Milgram-Experiment uns zeigt, ist weniger der moralische Bankrott des alltäglichen Normalmenschentums, sondern primär die Grenze des Versuchs, so etwas wie die Substanz der Moral in der Innerlichkeit der einzelnen Individuen zu verorten und begrifflich von den Gemeinschaftspraktiken zu lösen, in denen sich menschliches Handeln nun einmal bewegt.“

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