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Hans-Arthur Marsiske: Kriegsmaschinen : Drohnen kennen weder Hass noch Rache

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Sie machen Kriege nicht sauberer, nur billiger: Ein Sammelband über Roboter als Kriegsmaschinen - und ihre Entwicklung in rechtlichen Grauzonen.

          Im Jahr 1977 plante die RAF angeblich ein Attentat auf Franz Josef Strauß: Ein Modellflugzeug sollte Sprengstoff in seine Münchener Wohnung transportieren. Der Plan wurde nie ausgeführt. Heute ist die unbemannte Kampfdrohne eine der wichtigsten Waffen des amerikanischen Militärs und der erste Kriegsroboter, der in großem Stil zum Einsatz kommt. Seit 2009 bildet die amerikanische Airforce mehr Piloten für unbemannte Systeme aus als für Kampfjets und Bomber. Fünfundsechzig Länder benutzen Militärroboter oder sind dabei, sich welche zu beschaffen. Dennoch sind die Geräte kaum in der Diskussion. Die Verantwortlichen schweigen, weil man über neues Kriegsgerät nicht redet. Und die zivilen Roboterforscher schweigen, weil sie befürchten, die Robotik könne insgesamt in Verruf geraten.

          Ein vielseitiger und spannender Sammelband untersucht nun das Thema mit unterschiedlichen Textgattungen - von Abhandlungen über Interviews bis zu Kurzgeschichten. Zwanzig bis dreißig Jahre, länger wird es nach Schätzung amerikanischer Militärs nicht dauern, bis die Drohnen selbständig Missionen planen, Angriffsziele wählen und Entscheidungen treffen können. Wir sind dabei, die künstliche Intelligenz zu bewaffnen, so Herausgeber Hans-Arthur Marsiske. Doch diese Entscheidung greife zu tief in das Leben aller Menschen ein, als dass sie wenigen Eingeweihten überlassen bleiben dürfe. Denn Roboter kennen nur ihren Auftrag, auf die Welt nehmen sie keine Rücksicht, weil sie für sie nicht existiert, erklärt Rafael Capurro. Die neue Technologie soll die Kriege sauberer machen, präziser. Jutta Weber konstatiert das Gegenteil: Die extrem beschleunigte Kriegsführung ohne Front und Rückzugsgebiete führe zu mehr statt weniger Opfern, obwohl die Piloten, die die Drohnen fernsteuern, das Schlachtfeld besser überschauen können als jemals Soldaten vor ihnen. Offiziell werden die Opfer der 248 Drohnen-Angriffe, die allein in der Regierungszeit Barack Obamas geflogen wurden (Stand Oktober 2011), nicht gezählt. Die unterschiedlichen Quellen, die Weber in ihrem Beitrag zitiert, schätzen sie auf mehr als zweitausend, eine große Zahl davon Zivilisten oder „unwichtige Militante“.

          Vorgetäuschte Moral

          In Nordwasiristan brummen die Drohnen permanent durch den Himmel. Die Dorfbewohner geben ihr weniges Geld für Schlafmittel aus, um die Nacht zu überstehen, und für Antidepressiva, um durch den Tag zu kommen, zitiert Weber einen der wenigen aktuellen Berichte aus dem Kriegsgebiet. Für die Soldaten hingegen wurde eine Vision wahr: Jede Menge Munition, die über den Feinden kreist und jederzeit zur Verfügung steht. Weber konstatiert ein tiefes Desinteresse am Leiden aller Nichtamerikaner.

          Der Informatiker Ronald Arkin glaubt, Roboter könnten die besseren Soldaten sein, weil sie weder Hass noch Rache kennen. Er beschreibt ein Waffensystem, das in der Lage sein soll, sich an das Völkerrecht zu halten. Wenn im Funkverkehr etwa von Verwundeten die Rede ist, soll das System den Feuerbefehl verweigern. Kriegsroboter sollten erst zum Einsatz kommen, wenn bewiesen sei, dass sie weniger Fehler machten als Menschen, fordert Arkin. Ein frommer Wunsch, denn tatsächlich werden Militärroboter eingesetzt, kaum dass sie funktionieren, berichtet Lora G. Weiss, die selbst Forschungsprojekte für das amerikanische Verteidigungsministerium geleitet hat, in ihrer faktenreiche Analyse des Forschungsstands. Einprogrammierte moralische Codes täuschen Moral allenfalls vor, die Möglichkeit moralischer Reflexionen bei Robotern ist reine Spekulation, ergänzt Capurro.

          Kampfroboter machen Kriege nicht sauberer, aber sie machen sie für ihre Besitzer billiger und ungefährlicher. Die eigenen Soldaten haben von 8 bis 17 Uhr Krieg und fahren dann nach Hause zu ihren Familien. Kriegsroboter sind deshalb gerade für Demokratien, die Rücksicht auf die Stimmung des Volkes nehmen müssen, attraktiv, so Niklas Schörning. Zudem seien Kampfroboter eine Antwort auf eine neue Bedrohung - die wuchernden Riesenstädte der südlichen Halbkugel. In städtischen Umgebungen macht Ortskenntnis überlegene Waffentechnologie wett. Stephen Graham beschreibt in seinem Beitrag beklemmende Szenarien von Schwärmen winziger vernetzter Sensoren, die alle physischen Barrieren durchdringen und autonome Waffensysteme mit Informationen versorgen.

          Eine Gefahr für bestehende Gesetze

          Noch ist diese totale Überwachung erst in Ansätzen möglich, und auch viele Militärs bezweifeln, ob sie jemals realisierbar sein wird, so Lora G. Weiss. Sie berichtet von den massiven technischen Problemen mit der Wahrnehmungsfähigkeit der Roboter und ihrer Vernetzung untereinander. Wie kann ein Roboter entscheiden, ob jemand aus einem Geschäft rennt, weil er dieses gerade ausgeraubt hat oder weil er sich beeilt, um den Bus noch zu erreichen? Doch selbst wenn die Entscheidung über einen Angriff beim Menschen verbleibt, ist er auf die Angaben der Maschine angewiesen. Er handelt korrekt, wenn er den Routinen folgt, die die Maschine vorgibt, seine Verantwortung ist nicht mehr klar auszumachen.

          Damit steigt die Verantwortung des Konstrukteurs, so Hans-Dieter Burkhard. Er konstatiert ein Dilemma für die Entwickler friedlicher Robotertechnologie: Denn obwohl vor allem in den Vereinigten Staaten das Militär viel Geld in die Roboterforschung pumpt, ist es für die Militärs inzwischen effizienter, auf die Produkte der zivilen Forschung zurückzugreifen und sie ihren Zwecken anzupassen, also etwa ein autonomes Fahrzeug oder Fluggerät mit einem Waffensystem auszustatten.

          Kampfroboter sind eine Gefahr für die bestehenden Kriegswaffenkontrollgesetze, fasst Jürgen Altmann zusammen, sie könnten ein neues Wettrüsten in Gang setzen, dazu führen, dass die Schwelle, einen Krieg zu beginnen, sinkt, und zudem in die Hände von Terroristen fallen. Sie sind geeignet, die weltpolitische Lage insgesamt zu destabilisieren. Und weil lieber keiner darüber spreche, schließe sich das Fenster für Regulierungsbemühungen schnell. Ein wichtiger Band über ein viel zu unbekanntes Thema.

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