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Hannelore Elsner: Im Überschwang : Hinter jedem Löwenzahn lauert Grauen

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Bild: Verlag

Jung war sie Starlet in Opas Kino, gereift wurde sie eine der großen Charakterdarstellerinnen des deutschen Films. Doch Hannelore Elsner, das zeigt ihre Autobiographie, bietet mehr als Kinogeschichten.

          Auch in Westdeutschland gingen die Jugendlichen 1968 gegen „das Establishment“, „die Verhältnisse“ und „den Kapitalismus“ auf die Straße. Aber weit mehr als in allen anderen westlichen Ländern war ihr Aufbegehren zugleich eines gegen die eigenen Eltern. Sie erlebte man als „unterdrückend, hemmend und spießig“. Andererseits „ging es ununterbrochen um Sex. Alles war damals gleichzeitig frivol und bieder. Wie meine Mutter, wie diese ganze Zeit, wie diese Filmchen.“ Erst das letzte Wort, mit dem sie die frühen Erfolge als Appetithäppchen in Opas Kino abtut, verrät die Schauspielerin Hannelore Elsner, die auf ihre Jugend zurückschaut.

          So aufschlussreich wie die Sätze zum Zeitgeist 68 sind viele Passagen ihrer Autobiographie. Die Schilderungen der Kindheit beispielsweise: das Hin und Her zwischen bayerischen Dörfern und München, Internaten und Lehrstellen, verdüstert vom frühen Tod des Vaters und den zermürbenden Versuchen der Mutter, sich, Tochter und jüngeren Sohn über Wasser zu halten - und in einem neuen Mann Sicherheit und Anerkennung zu finden. Das liest sich oft wie ein Nachtrag zu Bölls „Haus ohne Hüter“.

          Gespenstische Passagen

          Er beginnt beklemmend mit den Erinnerungen an das letzte Kriegsjahr und den abgöttisch geliebten älteren Bruder. Fünfjährig starb dieser beim Beschuss durch amerikanische Tiefflieger. „In seinem kleinen Körper fand man sechs Patronen, die meine Mutter später in einem Leinensäckchen aufbewahrte, zusammen mit zwei winzigen Holzpferdchen. Dieses Leinensäckchen besitze ich immer noch. Und ein Foto: mein Bruder im offenen Sarg, schön gekämmt, mit halb geschlossenen Lidern und gefalteten Händen. Er sieht so erwachsen aus.“

          Mit derselben, Erschütterndes und selbst Beschämendes nicht scheuenden Offenheit schildert Hannelore Elsner ihr Heranwachsen, ihren Hang, sich in der Natur rings um ihre Heimatdörfer mal freudig, mal angsterfüllt zu verlieren - „und hinter jedem Löwenzahn lauert das Grauen“ -, die Verlassenheit in Internaten, wo eiserne Nonnen sie dressieren, aber mit Gottesdiensten auch Mysterien locken, das Ertasten des eigenen Körpers, das Entdecken anderer, die erste Liebe, der sie bis heute ein schwärmerisch liebendes Andenken bewahrt.

          Dieser ersten Verbindung geht, wieder eine der gespenstischen Passagen, ein Abenteuer voraus, wie es wohl selbst gestandene Achtundsechzigerinnen damals nicht gewagt hätten. Auf einem ihrer endlosen, die neue Freiheit feiernden Streifzüge durch München folgt ihr hartnäckig ein „dunkelhaariger Mann mit schwarzen Augen“. Die Fünfzehnjährige geht mit ihm in eine dämmrige Wohnung, lässt sich anschauen: „Dann ging sie, und er versuchte nicht, sie aufzuhalten. Sie hatte sich wieder einmal bewusstlos gemacht.“

          „Okay, überleben wir bis morgen“

          Wer hätte dieser oft so kapriziös wirkenden Schauspielerin solche Trancen zugetraut, Abwesenheiten, die in einer typisch verworrenen, deutschen Nachkriegskindheit gründen? Damit, und nicht mit dem naheliegenden Klischee von der notorisch flatterhaften Film- und Theaterszene, begründet die Schauspielerin auch ihre mehrmaligen Partnerwechsel. Doch eigentlich rechtfertigt sie sich nicht, sondern erzählt. Nicht als Beichte, sondern als Selbstgespräch lesen sich ihre Kapitel über Kennenlernen, Zusammensein und Trennungen; vor jedem Partner hat sie Respekt, für jeden einen scharfen, aber auch verständnisvollen Blick, bis am Ende all diese Wechsel fast als das Normalste von der Welt erscheinen.

          Eine emanzipierte Frau? Eine, die sich durch 68 und die Folgen dauerhaft frei machte? Gegen Ende heißt es: „Ich wollte die beste Geliebte sein, die beste Ehefrau, die beste Mutter, die beste Schauspielerin, die beste Versorgerin, alles auf einmal - und ich war es auch irgendwie. Aber es war dermaßen anstrengend, das kann man nicht lange durchhalten.“ Wie vielen Frauen, gleichaltrigen und jüngeren, schreibt sie damit aus der Seele? Besonders eindringlich in den lakonischen Sätzen zur Frühgeburt ihres Sohnes: „Wenn ich den Arzt gefragt habe, wie lange wird mein Baby leben, sagte er: Bis morgen. Jedes Mal: Bis morgen. Und ich habe gesagt, okay, überleben wir bis morgen. Und ich war da, Tag und Nacht.“

          Sehnsucht nach Vertrauen und Zuwendung

          Was aber ist mit der Schauspielerin? Der, die anfangs so oft in Opas Kino auftauchte, dass der junge deutsche Film sie verachtete. Die so häufig Boulevard spielte, dass ihr früher Erfolg an den Münchner Kammerspielen erst wieder erinnert wurde, als ihr experimentelles Solo im Frankfurter TAT 1996 bei der Kritik ein Flop und beim Publikum Kult wurde. Die 1973 mit Edgar Reitz' „Die Reise nach Wien“ Cineasten überraschte und 2000 mit Oskar Roehlers „Die Unberührbare“ sowie 2003 mit Oliver Hirschbiegels „Mein letzter Film“ endgültig überzeugte. Und die als Fernsehkommissarin Lea Sommer zwischen 1993 und 2006 Massenpopularität genoss. Über all das schreibt Hannelore Elsner, wie sie spielt - präzise, manchmal überschwänglich, immer fesselnd. So lobt sie dankbar ihre guten Regisseure, schüttelt die belanglosen mit ein paar Sätzen ab.

          Aber auch in ihren Kapiteln zum Schauspielertum überragen Beobachtungen das Übliche: „Man braucht das Gefühl, dass man richtig angeschaut wird, liebevoll, auch zärtlich, auch erkennend, kritisch und sezierend. Das hat etwas mit einem ganz großen Vertrauen zu tun.“ Man liest das, liest ein zweites Mal und erkennt in den Bemerkungen zur Macht der Regisseure die allgemeine Sehnsucht nach Vertrauen und Zuwendung, die uns auch ohne Kameras und Bühnen ein Leben lang umtreibt.

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