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Hannah Arendt über Juden : Rigorose Urteile waren ihr geläufig

  • -Aktualisiert am

Scharfen Kontroversen wich sie nicht aus: Hannah Arendt in den sechziger Jahren. Bild: Getty

Guter Zugang zu einer oft provokanten Autorin, die ein „Denken ohne Geländer“ praktizierte: Ein Band mit Texten von Hannah Arendt über Juden und das Judentum.

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          An Karl Jaspers schrieb Hannah Arendt 1946, sie habe nicht davon „abgelassen“, sich „historisch und politisch von der Judenfrage her zu orientieren“. Diese Ausrichtung traf insbesondere auf ihre während der vierziger Jahre verfassten Texte zu: ein reichhaltiges Essaywerk, das Marie Luise Knott und Ursula Ludz nun in einer klug komponierten Edition von 21 Texten, davon fünf erstmals auf Deutsch publiziert, versammelt haben.

          Der erste Hauptteil bündelt solche Stücke, die „für ein neues kulturelles Selbstbewusstsein“ stehen und in denen Arendt überwiegend geistesgeschichtlich argumentiert. Das zweite Großkapitel trägt ihre Traktate „für ein neues politisches Selbstbewusstsein“ zusammen und dokumentiert ihre Positionsbestimmung im Spannungsfeld von Zionismus und jüdischer Existenz in der Diaspora. Im dritten Abschnitt finden sich Arendts Überlegungen „zur Erforschung des Holocaust“. Ein Prolog über „Aufklärung und Judenfrage“ von 1932 und ein Epilog über „Persönliche Verantwortung unter diktatorischer Herrschaft“ von 1964 rahmen die Anthologie ein.

          Die „hoffnungslos Assimilierte“

          Das von diesem Zeitbogen umspannte Spektrum ist denkbar weit, handelt von jüdischer Kultur, Geschichte und Selbstverständigung, von Antisemitismus, Flucht und Exil, von Diskriminierung als unblutiges „soziales Mordinstrument“ und Genozid, von Nationalstaatsgründung und politischer Reorganisation in der Diaspora. Mal tritt uns die Philosophin und Ideenhistorikerin, mal die sozialwissenschaftlich inspirierte Analytikerin, mal die erfahrungsgeschichtlich motivierte Zeitzeugin entgegen – immer aber die urteilsstarke, bisweilen rigorose, dafür Unschärfen und Fehlannahmen in Kauf nehmende Intellektuelle.

          Obgleich nicht religiös geprägt, wusste sie, dass sie zu ihrer jüdischen Identität Stellung beziehen musste. Ihre Studie über Rahel Varnhagen von 1957, ursprünglich Anfang der dreißiger Jahre ein durch die „Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft“ gefördertes Habilitationsvorhaben, endet mit dem Kapitel „Aus dem Judentum kommt man nicht heraus“. Dieser Merksatz gab Arendts Zweifeln am eigenen Status Ausdruck. Bis zu ihrer erzwungenen Emigration gehörte sie zu den „hoffnungslos Assimilierten“, wie sie es 1927 einmal nannte. Arendt betrachtete die Assimilation zunehmend skeptisch, weil diese – zumindest im Fall der Juden – stets „im Zwielicht von Gunst und Ungunst“ verharrte. Die einzige große Ausnahme „geglückter Assimilation“ erkannte sie im Fall Heinrich Heines, den sie zugleich gemeinsam mit Franz Kafka, Charlie Chaplin und Bernard Lazare zu ihren Helden einer „verborgenen Tradition“ zählte.

          Die Figur des „selbstbewussten Paria“

          Anknüpfen wollte sie zumal an Lazare, dessen Name gleich in mehreren der hier abgedruckten Aufsätze auftaucht. Arendt lag daran, die Erinnerung an diesen zu Unrecht Vergessenen zu beleben. Schließlich habe der jüdische Querdenker nicht nur als Erster, vor Émile Zola, den Justizirrtum in der antisemitisch geprägten Dreyfus-Affäre im Frankreich der Jahrhundertwende öffentlich gemacht, sondern auch die Figur des „bewussten Paria“ geschaffen, der „handelnd auf die Bühne der Politik“ trete und so zum Freiheitskämpfer und Rebell werde. Darin und nicht im verdrucksten Paria oder anpassungswilligen Parvenu bestand das von Arendt favorisierte Rollenmuster – für sich persönlich und für eine souveräne jüdische Existenz überhaupt.

          Letztere lag ihr am Herzen, glaubte sie im zwanzigsten Jahrhundert doch nicht länger an „individuelle Auswege“. Schon ihre im ersten Hauptteil versammelten Überlegungen zur Erneuerung des kulturellen Selbstbewusstseins wirken eminent politisch. Ihr Appell an das aktive Handeln, an Widerstandswillen bis hin zur Schaffung einer „jüdischen Armee“ und an kreative politische Gestaltungskraft war zugleich ein unzweideutiges säkular-politisches Bekenntnis zum Judentum.

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