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Hannah Arendt über Juden : Rigorose Urteile waren ihr geläufig

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Je lauter Arendt ihre politischen Zielvorstellungen kundtat, desto mehr Missmut und Gegenwehr löste sie aus. Ihre Stellungnahmen zum Zionismus, den sie zwischen 1933 und 1943 unumwunden verfochten hatte („natürlich nur wegen Hitler“), sorgten nach dem Zweiten Weltkrieg wiederholt für scharfe Kontroversen, wie sie die Herausgeberinnen in ihren pointierten Kommentaren dokumentieren und in gleich zwei Nachworten zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Schriften erläutern.

Der Streit um das Eichmann-Buch

Für die „Rettung der jüdischen Heimstätte“ sah Arendt die „jüdisch-arabische Freundschaft“ und beiderseitige Zugeständnisse als unabdingbar an. Auch schwebten ihr, die mit rätedemokratischen Ideen liebäugelte, eine „örtliche Selbstverwaltung und gemischte jüdisch-arabische Gemeinderäte in Stadt und Land“ vor. Solche alternativen Ordnungsvorstellungen würden allerdings, so klagte sie 1948, in einer „hysterischen Atmosphäre allzu leicht als ‚Dolchstöße‘“ abgetan. In diesen Momenten fühlte sich Arendt missverstanden und öffentlich vorgeführt. Selbst beherrschte sie die Kunst der Provokation: Nach ihrer Relektüre von Theodor Herzls „Judenstaat“ klagte sie über seinen übergroßen „Glauben an die Antisemiten“, den er in fataler Weise als Treibstoff für seinen Zionismus genutzt habe. Ebenso prangerte sie im Falle der jüdischen Staatsgründung in Palästina „nationalistische Souveränitätskomplexe“ an, wie sie einst unterdrückte Völker in gefährlicher Weise entwickelten.

Bald geriet sie über solche Fragen mit langjährigen Freunden wie dem Religionshistoriker Gershom Scholem in heftigen Streit. Doch erst Arendts Eichmann-Buch von 1963 führte zum Bruch zwischen den beiden. Scholems unnachgiebiges Verdikt nach der Publikation lautete, Arendt mangele es an Liebe zum jüdischen Volk. Insbesondere ihr Urteil über die „Judenräte“ sorgte für Empörung, weil sie in ihnen einen „wichtigen Faktor der Vernichtungsbürokratie“ erkannte, wie es in einem Statement von 1964 heißt, und so eine Mitschuld der Juden an der eigenen Vernichtung suggerierte. Ihre Grundthese von der „Banalität des Bösen“, einer von Schreibtischtätern in Gang gesetzten Mordmaschinerie, erweiterte sie nach dem Frankfurter Auschwitzprozess um eine „in höchstem Maße erforderliche Ergänzung“, wie einem Text aus dem Jahr 1966 zu entnehmen ist. Indem Arendt die Entscheidung einzelner Akteure zu Grausamkeiten hervorhob und bei aller „nachweisbaren Normalität der Angeklagten“ im „Sadismus die treibende menschliche Kraft“ ausmachte, rückte sie die Frage nach der persönlichen Verantwortung und kriminellen Schuld ins Licht.

Ein lückenhaftes Tableau

Insgesamt kommt die Eichmann-Debatte im dritten Hauptteil aber erstaunlich knapp zur Sprache. Dies ist einer der Gründe dafür, hinter den ausdrücklichen Anspruch der beiden Herausgeberinnen auf Vollständigkeit ein Fragezeichen zu setzen. Auch durch das Fehlen der in einem eigenen Band von Marie Luise Knott bereits vor zwanzig Jahren zusammengestellten Artikel Arendts für die deutschjüdische Emigrantenzeitung „Aufbau“ bleibt das Tableau lückenhaft. Wer die jüdischen Schriften Hannah Arendts umfassend erschließen und nutzen möchte, wird daher zusätzlich zu diesem älteren Band wie auch zur englischsprachigen Ausgabe der „Jewish Writings“ von 2007 greifen müssen.

Das Angebot an Arendt-Schriften wirkt inzwischen unübersichtlich. Mit „Wir Juden“ ist ein umsichtig und mit großer Sachkunde erschlossener Band hinzugekommen. Editionen wie diese dürften die Erarbeitung einer kritischen Gesamtausgabe von Hannah Arendts Werk erleichtern, die innerhalb der nächsten zehn Jahre Stück für Stück vollendet werden soll: als Hybrid-Edition, zunächst in gedruckter Form und dann mit jeweils einem Jahr Verzögerung frei zugänglich als Open-Access-Angebot. Wie auch immer sich die Zugangswege zu Hannah Arendts „Denken ohne Geländer“ gestalten mögen, das Risiko, sie zu beschreiten, lohnt in jedem Fall.

Hannah Arendt: „Wir Juden“. Schriften 1932 bis 1966. Hrsg. von Marie Luise Knott und Ursula Ludz. Piper Verlag, München 2019. 464 S., geb., 34,– €.

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