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Hannah Arendts Briefwechsel : Sind halt eine unverzichtbare Bagage, die Männer

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Den Höhepunkt im Hinblick darauf, was Freundschaft sein kann, bildet der kurze Briefwechsel mit Hilde Fränkel während Arendts erster großer EuropaReise (1949/50). Er gibt das zutiefst berührende Zeugnis einer großen Liebe – jedes andere Wort wäre zu schwach –, die von rückhaltlosem Vertrauen und zärtlicher Anteilnahme geprägt ist. Amüsant zu lesen sind dabei die Passagen über die verschiedenen Ehe- und sonstigen Männer in beider Leben, die Fränkel – enttäuscht über ihren langjährigen Geliebten Paul Tillich – als „Bagage“ bezeichnet. Woraufhin Arendt entgegnet: „Ja, die Männer sind eine ziemlich lästige Bagage, nur kommt man halt ohne sie doch nicht aus. Ist doch wahr.“

Arendt erzählt von den „phantastischen Szenen“, die sie im Hause Heidegger erlebt hat, und dem „begossenen Pudel“ Martin. Fränkel berichtet ihrerseits von ihrem „letzten erotischen Erfolg“ Alfred Kinsey. Die Leichtigkeit, mit der hier immer wieder geplaudert wird, ist umso erstaunlicher, als die Freundinnen während der Trennung nicht wissen, ob sie sich noch einmal wiedersehen werden. Hilde Fränkel liegt mit Lungenkrebs im Sterben. Doch Krankheit und Tod werden nicht ausgeblendet, sondern mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit thematisiert. Dabei steigert das Wissen um den baldigen Verlust noch die Dankbarkeit für das „unverlierbare Glück der Nähe“ (Arendt): „Das Glück, Dich gefunden zu haben, wird dadurch, dass Du weggehst, noch intensiver, weil ja eben der Schmerz mit darin beschlossen ist. Dadurch wird es wie ein Symbol für menschliches Leben und für das, was wir halten können und eben doch nie haben können.“

Verschollene Briefe

In diesen Briefen findet man nicht nur ein eindrückliches Beispiel, was Sprache in „Grenzsituationen“ vermag, wie die Herausgeberinnen schreiben, sondern auch, dass sich die eigene Identität erst in Beziehungen entfalten und mit diesen wieder verlorengehen kann, „als sei man dann in den wichtigsten Dingen plötzlich zum Schweigen verdammt, nachdem man gerade erst Reden gelernt hat“ (Arendt).

Ingeborg Nordmann und Ursula Ludz haben den Band hervorragend ediert. Akribisch haben sie die vielfältigen Bezüge auf Personen oder Ereignisse recherchiert und die Briefe durch ihre kenntnisreichen Anmerkungen für heutige Leser kontextualisiert. Neben einem allgemeinen Vorwort ist jedem Abschnitt noch eine eigene Einleitung vorangestellt, welche ausführlich auf die Biographie der jeweiligen Freundin und ihre Beziehung zu Arendt eingeht.

Einen Wermutstropfen hat die insgesamt sehr lesenswerte Edition: in drei Fällen, nämlich bei Beradt, Weil und Feitelson, sind Arendts Briefe verschollen. Die Herausgeberinnen gleichen dies nach besten Kräften aus, indem sie die entstandenen Lücken durch anderes Quellenmaterial zu füllen versuchen. Dennoch bleibt der Verlust schmerzlich. An anderen Stellen hätte es der Edition dagegen gutgetan, die Auswahl stärker zu beschränken, denn einige Briefe dürften ausschließlich für Arendt-Forscher interessant sein. Die Mehrzahl aber ist historisch erhellend, unterhaltsam, geistreich und berührt durch ihre tiefe Menschlichkeit.

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