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Hannah Arendt : Rassistisch, aber knapp am Index vorbei

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Hannah Arendt im Jahr 1966 an der University of Chicago Bild: Art Resource, New York / Hannah Arendt Bluecher Literary Trust

Wie konnte es nur zu diesen Inkonsistenzen und Widersprüchen kommen? Juliane Rebentisch erörtert Zwiespältiges in Hannah Arendts politischer Philosophie.

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          Eine Triggerwarnung sei vorweggeschickt: Die folgenden Sätze stammen von Hannah Arendt, aus ihrem berühmten Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, erstmals 1951 in englischer Ausgabe erschienen: „Der Rassebegriff der Buren entspringt aus dem Entsetzen vor Wesen, die weder Mensch noch Tier zu sein schienen und gespensterhaft, ohne alle faßbare zivilisatorische oder politische Realität, den schwarzen Kontinent bevölkerten und übervölkerten. Aus dem Entsetzen, daß solche Wesen auch Menschen sein könnten, entsprang der Entschluß, auf keinen Fall der gleichen Gattung Mensch anzugehören.“

          Was Arendt in dieser Passage zu etablieren suchte, ist nichts weniger als eine Theorie der Entstehung des Begriffs der „Rasse“. Als Hintergrund dieser Theorie dienen Arendt die Erfahrungen der „europäischen Menschheit in Afrika“; die überwiegend weißen Siedler und Kolonisatoren sehen sich mit einheimischen dunkelhäutigen „Wesen“ konfrontiert, deren moralischer Status als gleichwertiger Teil der Gattung Mensch offenbar leidenschaftlich bestritten werden musste. Man erfindet gewissermaßen – als „Notbehelf“ – die Idee unterschiedlicher Rassen, um Abgrenzungen und Ausgrenzungen zu legitimieren und um den Begriff des vollwertigen Menschen für bestimmte Mitglieder der Gattung zu reservieren.

          Mit großer Akribie und Zuneigung

          Das ist schockierend, zweifellos. Aber gibt Arendt nur eine Haltung wieder, die sie etwa den in der Passage genannten Buren unterstellt? Zitiert sie also nur die Haltungen anderer? Oder verraten die gewählten Formulierungen auch eigene Ansichten Arendts? Für Juliane Rebentisch, Professorin für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, ist die Antwort klar: Arendts Thesen sind selbst „deutlich“ rassistisch. In ihrem Buch erwähnt Rebentisch weitere Belege, die zeigen, dass Arendt selbst immer wieder in rassistische Klischees verfällt und gelegentlich sogar Bestandteile ihres politiktheoretischen Begriffsrepertoires heranzieht, um die Existenz unterschiedlicher „Rassen“ zu belegen. So heißt es an späterer Stelle in der Totalitarismus-Studie, die Menschen in Afrika und Australien seien die „einzigen ganz geschichts- und tatenlosen Menschen“, sie hätten keine Welt „erbaut“ – Formulierungen, mit denen Arendt direkt an Begriffe wie den des Herstellens und den des Handelns anschließt, die sie in ihrem philosophischen Hauptwerk, „Vita Activa“, ausführlicher theoretisch fundiert hat.

          Juliane Rebentisch: „Der Streit um Pluralität“. Auseinandersetzungen mit Hannah Arendt.
          Juliane Rebentisch: „Der Streit um Pluralität“. Auseinandersetzungen mit Hannah Arendt. : Bild: Suhrkamp Verlag

          Das ist das eine. Doch Rebentisch bleibt an diesem Punkt nicht stehen, ihr Buch will das Werk Arendts nicht auf den Theorie-Index stellen. Mit großer Akribie und Zuneigung entwickelt sie vielmehr eine Lesart, die Arendt vor sich selbst, vor ihren eigenen Vorurteilen und Engführungen zu schützen vermag und allerlei Ambivalenzen herausarbeitet. Vor allem Arendts Nachdenken über Pluralität kann dazu dienen, etwa die rassistischen Passagen als unhaltbar zu entlarven. Im Grund nämlich, so Rebentisch, hätte Arendt eine große Abneigung „gegen alle Arten von Gemeinschaften, die auf Ähnlichkeit beruhen, seien diese Zwangs- oder Wahlgemeinschaften“.

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