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Aus Syrien zum Sonnenkönig : Euer Paris ist so prächtig wie grausam, Majestät

Ohne Hanna Diyabs Märchen ist auch Lotte Reinigers Film „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ (1923) nicht denkbar. Bild: Primrose Film Productions, London/München 1995

„Aladin“ und „Ali Baba“: Was der Syrer Hanna Diyab vor dreihundert Jahren in Orient und Okzident erlebte und wie er an den Geschichten von Tausendundeiner Nacht mitwirkte.

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          „Ein alter Mann besuchte uns des Öfteren“, so erinnerte sich der syrische Tuchhändler Hanna Diyab fünfzig Jahre später an seine Zeit in Paris, „er las gut Arabisch und übersetzte Bücher aus dieser Sprache ins Französische. In dieser Zeit übersetzte er unter anderem die Geschichten von ‚Tausendundeiner Nacht‘. Dieser Mann suchte meine Hilfe zu einigen Punkten, die er nicht verstand und die ich ihm erklärte. Es fehlten im Buch, das er übersetzte, einige Nächte, und ich erzählte ihm daher die Geschichten, die ich kannte. Er konnte sein Buch mit diesen Geschichten ergänzen und war sehr zufrieden mit mir.“

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          So lapidar gibt Hanna Diyab wieder, was sich im Mai 1709 zwischen ihm und dem französischen Gelehrten Antoine Galland zutrug (dessen Namen er nicht einmal nennt), ganz so, als sei das irgendeine zufällige Begegnung mit irgendeinem Philologen – dabei war dies ein Moment, in dem buchstäblich Weltliteratur entstand. Galland hatte auf seinen Orientreisen eine arabische Handschrift von „Tausendundeiner Nacht“ erworben und übersetzt, doch das Manuskript brach bereits nach der 282. Nacht ab, und das europäische Lesepublikum, das ihm die ersten Bände geradezu aus den Händen gerissen hatte, verlangte nach mehr. In seiner Not fügte Galland nun andere orientalische Märchenmanuskripte in seine Sammlung ein, darunter die Geschichten von „Sindbad, dem Seefahrer“. Aber damit waren insgesamt erst acht Bändchen gefüllt.

          Work in progress

          Dass es am Ende zwölf wurden, verdankte Galland dem jungen Syrer, der in Begleitung des französischen Orientalisten Paul Lucas aus seiner Heimatstadt Aleppo nach Paris gekommen war. Er schrieb ihm zwei Geschichten auf und erzählte ihm zwölf weitere, die sich Galland in sein Tagebuch notierte – darunter „Aladin und die Wunderlampe“, „Ali Baba und die vierzig Räuber“ und „Das Ebenholzpferd“, Geschichten also, die heute weltweit zu den bekanntesten aus „Tausendundeiner Nacht“ zählen.

          Das große Märchenepos mit der Rahmenhandlung um den grausamen Sultan und die findige Schahrasad, die dem Tod entgeht, weil sie so spannend erzählt, ist bekanntlich ein Work in progress, dessen Anfänge fast zweitausend Jahre zurückreichen. Unzählige haben das Konzept aufgegriffen und neue Geschichten hinzugefügt, und dass wir ausgerechnet für die berühmtesten Märchen den Autor kennen, ist ein großes Glück. Nur sind die Informationen, die Galland in seinen Tagebüchern über seinen Zuträger festgehalten hat, äußerst spärlich: Der „Aladin“-Erzähler sei ein junger Syrer, Begleiter von Paul Lucas und übrigens recht sprachbegabt (Arabisch, Türkisch, Provenzalisch, Französisch).

          Aber gerade weil Hanna Diyab das, was wir als „Tausendundeine Nacht“ kennen, so geprägt hat, wüssten wir gern mehr von ihm: Wo kommen seine Geschichten her, welchen literarischen Hintergrund besitzt er selbst, wie treu hat er seine Märchen in Erinnerung bewahrt, um sie dann in Paris dem staunenden Galland zu diktieren? Wie viel von dem veröffentlichten Text gehört dem ursprünglichen Erzähler an, wie viel Hanna Diyab und wie viel schließlich Galland, der das Diktat wiederum für seine Edition bearbeitete?

          „Von Aleppo nach Paris“

          Wer so fragt, zielt auf das Wesen von „Tausendundeiner Nacht“. Und stochert zugleich im dichten Nebel, denn über all das ließ sich mangels anderer Textzeugnisse als Gallands Tagebücher lange Zeit nur mutmaßen – auch Paul Lucas, in dessen Gefolge Hanna Diyab nach Paris kam, erwähnt den jungen Syrer in seinem großen Reisebericht mit keinem Wort.

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