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: Handorakel und Kunst der Weltklugheit

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Glück hat es seinem Autor nicht gebracht, sein tragbares Orakel, die Quintessenz der Weltklugheit in 300 Aphorismen. Bei der Veröffentlichung 1647 wählte der Jesuit Balthasar Gracián, damals Philosophieprofessor in Zaragoza, zwar ein raffiniertes Pseudonym, nämlich Lorenzo Gracián, um die Genehmigungspflicht durch seinen Orden zu umgehen, aber dann kamen sie ihm doch auf die Schliche.

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          Glück hat es seinem Autor nicht gebracht, sein tragbares Orakel, die Quintessenz der Weltklugheit in 300 Aphorismen. Bei der Veröffentlichung 1647 wählte der Jesuit Balthasar Gracián, damals Philosophieprofessor in Zaragoza, zwar ein raffiniertes Pseudonym, nämlich Lorenzo Gracián, um die Genehmigungspflicht durch seinen Orden zu umgehen, aber dann kamen sie ihm doch auf die Schliche. Als er dann trotz scharfer Ermahnung einige Jahre später wieder Romane unter Pseudonymen zu publizieren begann, diesmal als "García de Marlones" (sein richtiger voller Nachname: Gracián y Morales), reichte es dem Orden, und Gracián wurde zur Festungshaft bei Wasser und Brot und - strafverschärfend - ohne Tinte und Feder verurteilt. Offenbar verstand er es besser, die Weltklugheit zu analysieren und zu formulieren als sie zu praktizieren. Auf seinem Gebiet ist er allerdings der Beste: Macchiavelli kommt einem gegen die intelligenten und pragmatischen Empfehlungen Graciáns vor wie Ratgeberfolklore. Eine verstärkte Lektüre des Handorakels würde ganze Branchen, etwa der Medienberater und Politstrategen, überflüssig machen. Und vor allem: Das Wahlvolk würde selbst die unverdächtigsten Politiker mit anderen Augen beurteilen. Man kann es sich so merken: Wer treu seinen Macchiavelli befolgt, wird irgendwann, mit viel Glück, ein Dick Cheney oder Jürgen Möllemann, mit Gracián aber landet er in der John-F.-Kennedy-Liga. Schon im fünften Aphorismus rät er, nicht Schuld und Furcht zu mobilisieren, um Anhänger zu gewinnen, sondern ihren Enthusiasmus: "Die Leute am Seil der Hoffnung zu führen ist Hofmannsart, sich auf ihre Dankbarkeit verlassen Bauernart." Dabei ist ganz wichtig zu beachten, "daß man die Hoffnung zu erhalten, nie aber ganz zu befriedigen hat." Jeder Rat ist handfest und unmittelbar anzuwenden. Schnörkellos stellt er fest, bisweilen müsse man eben auch viel lernen und richtig fleißig arbeiten - im höfischen Spanien des 17. Jahrhunderts beides echte Untugenden -, um gleichschlaue Konkurrenten zu überrunden. Möglichst immer nur Treffen unter vier Augen abhalten. Wenn man beleidigt wurde: nie klagen oder auf Rache sinnen, sondern sich in der Kunst der Verachtung üben, das sei die schlimmste Form der Strafe, weil jeder Skandal dem Unruhestifter noch Aufmerksamkeit verschafft. So hielt es zeitlebens François Mitterrand, der seinen Gracián wirklich studiert hatte. Gracián sichert zumindest den Machterhalt, und wenn man es schlau anstellt, sorgt er auch für Ruhm und Glanz. Bei dem größten deutschen Gracián-Fan hat das vielleicht nicht so ganz funktioniert, aber immerhin war er lange Jahre Regierender Bürgermeister Berlins, und das ist doch auch schon eine Leistung, wenn man Eberhard Diepgen heißt.

          Nils Minkmar.

          Balthasar Gracián: "Handorakel und Kunst der Weltklugheit". Philipp Reclam Jun. 163 Seiten. 4,10 [Euro].

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