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Architektur für Flüchtlinge : Ein Land im Aufnahmezustand

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Besser ergeht es den Nutzern des Pilotprojekts im unterfränkischen Karlstadt bei Würzburg, wo das staatliche Bauamt im Garten des örtlichen Finanzamtes freundliche Pavillonhäuser errichtete, die auf nur 45 Quadratmetern pro Unterkunft transparente, gutfunktionierende Dreizimmerwohnungen bieten. Die Faustregeln für diesen perfekten Minimalismus: vorgefertigte Holzskelett-Konstruktionen, zentrierte Grundrisse ohne überflüssige Verkehrsflächen, bodentiefe Fenstertüren als zusätzliche Fluchtwege, Einzelerschließung jeder Einheit von Außen über Laubengänge, um Treppenhauskonflikte zu vermeiden – und gute Behörden, die im besten Fall selbst bauen.

Modelle in Massivholz

Auch im oberbayrischen Zolling wurde dies mit Wohnmodulen aus Massivholz erfolgreich praktiziert: Drinnen treffen die Neuankömmlinge sogar auf die ungeplante Gemütlichkeit von alpinen Zirbelstuben.

Durchweg übertreffen die Baubeispiele aus Holz, dem Urbaustoff der nordischen Nebelländer, alle Varianten aus Metall, Beton oder Stein haushoch. Dabei scheuen sich die Autoren nicht, an verpönte Vorbilder zu erinnern: an die genormten hölzernen Allzweck-Baracken des Reichsarbeitsdienstes, die zum anpassungs- und leistungsfähigsten Bautyp der Nazis aufstiegen und später nur unzureichend durch die Wellblechhütten des kanadischen Offiziers Peter Nissen ersetzt wurden.

Innenansicht: Holz, soweit das Auge reicht.
Innenansicht: Holz, soweit das Auge reicht. : Bild: Andreas Kern

Daher versucht das Handbuch nicht, den Holzbau neu zu erfinden, wohl aber den Umgang mit Bauvorschriften und Behörden. Die Novelle des Baugesetzbuches im Asylpaket 2015 brachte wichtige Erleichterungen bei Standards und Prozeduren – dafür hatten die fleißigen Deregulierungsexperten der Brüsseler EU-Kommission 2014 wichtige Vorarbeit geleistet. Trotzdem dauern Baugenehmigungen für Flüchtlingsunterkünfte immer noch doppelt so lange wie der schnellste Baufortschritt.

Generalinventur der Vorschriften

Deshalb sieht das Handbuch den größten Reformbedarf nicht in der Erfindung einer Fließbandarchitektur, sondern beim weiteren Abbau von unsinnigen Vorschriften für Stellplätze, Elektro- und Energietechnik, Brand- und Emissionsschutz sowie Wärmedämmung und Abstandsflächen. Das sind die erstaunlichen Nebeneffekte des Kosten- und Zeitdrucks bei Flüchtlingsbauten: Sie befördern eine Generalinventur der bautechnischen Vollkasko-Mentalität, die den deutschen Wohnungsbau erstickt.

Wie ein Tabubruch wirken im Handbuch die Beiträge von privaten Immobilienwirtschaftlern, die die Wohnanlagen als „neue Assetklasse“ für ihr Portfolio bewerten gemäß dem Motto: „Nur was sich rentiert, das funktioniert.“ Dafür verlangen sie von den Unterkünften dreierlei: Sie müssen langlebig, umnutzbar und verkaufbar sein. Solche Selbstverständlichkeiten gelten jedoch nicht im Geringsten für die Symbolökonomie von schnellen Provisorien wie Großzelten oder Leichtbauhallen, die letztlich doppelt so teuer sind wie feste Bauwerke.

Diese fragilen Energieschleudern erfordern einen extremen Aufwand an passiver Sicherheit und aktivem Wachschutz, dazu eine erzwungene Rundumversorgung durch Caterer mangels eigener Haushaltsführung der Flüchtlingsfamilien, und die verweigerte Privatsphäre in den Massenquartieren ist erniedrigend. Im Schlusskapitel mit Dutzenden gelungener Baubeispiele aus ganz Deutschland tritt das Handbuch den praktischen Beweis an, dass in Krisenzeiten aufgeklärte Technokraten oft hilfreicher sind als philanthropische Schwärmer.

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