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Hal Vaughan: Coco Chanel - Der schwarze Engel : Mit Glut und Eiseskälte

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

War die größte Modeschöpferin des vorigen Jahrhunderts eine Nazi-Agentin? Hal Vaughan spürt der Frage nach, welche Rolle Coco Chanel in den Jahren der Okkupation spielte.

          6 Min.

          Um Gabrielle Chanel wird es nicht still. Nach zwei Verfilmungen ihres Lebens erscheinen immer weitere Monographien über jene Frau, die den einen Coco und den anderen Agentin F-7124 mit dem Codenamen Westminster war. Damit bezog sich die deutsche Abwehr auf den britischen Liebhaber der Pariser Modedesignerin, den zweiten Herzog von Westminster, Hugh Richard Arthur Grosvenor, genannt Bendor. Er war nicht nur der reichste Mann Englands, sondern auch ein Freund des Prinzen von Wales und ein enger Vertrauter Winston Churchills. Für seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg hoch gelobt, war er zugleich bekannt für seine antisemitischen Ansichten und eine im britischen Hochadel nicht eben seltene deutschlandfreundliche Haltung. Die dabei ausschlaggebende Furcht vor Stalins roten Armeen war auch Chanel nicht fremd, hatte der Exodus des vorrevolutionären russischen Establishments in ihrer Karriere und ihrem Privatleben doch mannigfaltige Spuren hinterlassen.

          1920 begann sie eine Affäre mit dem Großfürsten Dmitri Pawlowitsch, Cousin ersten Grades von Nikolaus II., einem an der Ermordung Rasputins beteiligten Anwärter auf den Zarenthron, dem seine Verbannung das Leben rettete. Chanels Alimentierung des mittellosen Romanow verschaffte ihr Kontakt zum russischen Exiladel, aus dem sie zahlreiche Mitarbeiterinnen und Multiplikatorinnen für ihr prosperierendes Modeunternehmen rekrutierte. Durch Dmitri lernte sie auch Ernest Beaux, den früheren Parfumeur des Zaren kennen: Seine Anstellung brachte ihr die Erfindung von Chanel No 5 ein, jener auf Jasmin basierenden Geheimformel, die ihr ein sorgloses Leben bis ins hohe Alter sicherte.

          Verstrickung in die deutsche Causa

          Chanel verstand es auf stupende Weise, aus jeder Liaison geschäftlichen Gewinn zu schlagen. Zwei frühe Liebhaber finanzierten die Eröffnung ihrer ersten Boutique, ihr Techtelmechtel mit Strawinski führte sie Diaghilew zu, der die Kostüme für sein bahnbrechendes Ballett „Le Train Bleu“ bei ihr bestellte. Der Großfürst und sein Kreis inspirierten sie zu ihrer russischen Periode, und mit Bendor zog der englische Stil in Paris ein. Doch es war ihr Geliebter der Besatzungsjahre, Baron Hans Günther von Dincklage, Kosename Spatz, der ihren atemberaubenden Seiltanz zwischen mondänem Kurtisanenleben und entsagungsvoller Couturierexistenz wie kein anderer auf die Probe stellte.

          Manches über Gabrielle Chanels Verstrickung in die deutsche Causa munkelte man sich schon im besetzten Paris zu. Kurz nach ihrem Tod 1971 erinnerte die „Herald Tribune“-Modekritikerin Hebe Dorsey an diese Schattenseite, indem sie auf Papiere in französischen Archiven hinwies, die Chanels Besatzungsbeau Dincklage als „gefährlichen Agenten des deutschen Geheimdienstes und wahrscheinlich der Gestapo“ führten.

          Kollaborationsverfahren gegen Chanel

          Auch Edmonde Charles-Roux, einst Résistance-Mitglied und Chefin der französischen „Vogue“, entwirrte in ihrer auf Interviews mit Zeitzeugen basierenden Chanel-Biographie von 1974 zahlreiche Fäden. Nicht zuletzt kam dabei Chanels juristisch betriebener und auf die antisemitischen Vichy-Gesetze pochender Versuch zur Sprache, das Parfumunternehmen der ins amerikanische Exil geflüchteten Gebrüder Wertheimer enteignen zu lassen: Seit langem hatte sie ihren Zehn-Prozent-Anteil am Erlös als ungerecht niedrig empfunden; vom Nazi-Regime erhoffte sie sich nun den großen Reibach.

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