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: Häresie der Formlosigkeit

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Als Lothar Gall vor anderthalb Jahrzehnten mit dem Oldenbourg Verlag die "Enzyklopädie Deutscher Geschichte" begründete, war absehbar, daß für die Sammlung von einhundert Monographien über historische Spezialbereiche ein sehr langer Atem nötig sein würde. Ein Abschluß des Werkes läßt sich zwar auch ...

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          Als Lothar Gall vor anderthalb Jahrzehnten mit dem Oldenbourg Verlag die "Enzyklopädie Deutscher Geschichte" begründete, war absehbar, daß für die Sammlung von einhundert Monographien über historische Spezialbereiche ein sehr langer Atem nötig sein würde. Ein Abschluß des Werkes läßt sich zwar auch heute noch nicht vorhersagen, gleichwohl kann man schon jetzt von einer Erfolgsgeschichte sprechen. Von den sechsundzwanzig geplanten Mittelalter-Bänden sind beispielsweise inzwischen vierzehn erschienen, manche davon schon in zweiter Auflage. Andererseits erwies es sich wiederholt als schwierig, geeignete Autorinnen und Autoren einzubinden. Selbst die Aufträge für klassische Themen der Mediävistik, wie "Die Stadt im Mittelalter" oder "Das Karolingerreich", haben jeweils schon zwei Bearbeiter zurückgegeben; "Demographie" und "Die materielle Kultur des Mittelalters" mußten sogar ganz gestrichen werden, statt dessen steht seit 2002 auch die "Geschlechtergeschichte" auf der Agenda der Sammlung.

          Nur wenige Verfasser haben ihre Aufgabe so ernst genommen wie der Münsteraner Kirchenhistoriker Arnold Angenendt. Ursprünglich ein Spezialist für die frühen Jahrhunderte, hat sich Angenendt auf seine soeben erschienenen "Grundformen der Frömmigkeit im Mittelalter" durch umfangreiche Darstellungen des christlichen Heiligenkults von den Anfängen bis zur Gegenwart (1994) und der mittelalterlichen Religiosität überhaupt (1997) sowie eine Abhandlung über die katholische Liturgie in Geschichte und Forschung (2001) vorbereitet. Die Enzyklopädie stellte ihm gleichwohl eine neue Anforderung, sollte es doch um das Verhältnis von Frömmigkeit und deutscher Geschichte gehen.

          Es versteht sich, daß Angenendt nicht mehr - wie seine Vorgänger im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert - einer angeblichen Affinität von Christentum und Germanentum nachspürte oder gar, wie ein Autor von 1925, eine "Geschichte des deutschen Glaubens" zu schreiben suchte. Vielmehr rückte er die christliche Frömmigkeit in eine religionsgeschichtliche Perspektive, die bisher eher von evangelischen Theologen entwickelt worden war, während seine eigene, die katholische Kirche in der Historisierung und Anthropologisierung auch eine Relativierung von Glaubenshaltungen argwöhnte. Religiosität sei keine primär völkische Angelegenheit, sondern lasse sich nur nach einfacheren und entwickelteren Ausprägungen unterscheiden. Auf dem Boden Deutschlands habe sich demnach das Christentum als universale und personale Hochreligion, vom Süden und Westen her vordringend, mit indigenen Einfachreligionen auseinandergesetzt und dabei allmählich den Erfolg errungen. Das Thema des Mittelalters sei also der endgültige Sieg des Christentums "als überlegene Fremdreligion, die, obzwar an keiner Stelle Europas aus bodenständigen Voraussetzungen erwachsen, dennoch einen einheitlichen Religionsraum schuf". Trotz dieser Entwicklung identifiziert Angenendt das Mittelalter insgesamt als "einfache Kultur", die "zunächst der Logik von Einfachreligion" gefolgt sei. Zentral für seine Geschichtsauffassung ist die These vom Menschen als rituelles Wesen; sie steht in Wechselbeziehung mit dem weitverbreiteten Interesse der gegenwärtigen Profanhistorie an Ritualität überhaupt. Rituale seien genauso für das gesellschaftliche wie für das persönliche Leben prägend gewesen: "Eine ausschließlich weltliche Rechtsordnung gab es lange Zeit nicht. Das Leben war vielmehr eingebettet in die Riten der Religion, und von Liturgie war gerade auch das Phänomen Herrschaft durchsetzt."

          Religionsgeschichtlich zu arbeiten, bedeutet bei Arnold Angenendt, einfache und entwickelte Formen der Religiosität diachron zu vergleichen, nicht aber, den Stoff synchron zu ordnen. Zwar ermöglicht ihm sein Ansatz, die Geschichte der Frömmigkeit in Deutschland im europäischen Zusammenhang zu würdigen, dafür blendet er aber die Gleichzeitigkeit anderer Hochreligionen aus, die weniger im deutschen als im europäischen Bezug zu beachten gewesen wären.

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