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: Häresie der Formlosigkeit

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Unklar bleibt letztlich die Reichweite des ritualgeschichtlichen Ansatzes im Hinblick auf spätere Zeiten, besonders auf die Moderne. Ob und in welchem Maße Spiritualisierung und Rationalisierung des christlichen, genauer des römisch-katholischen Glaubens seit dem hohen Mittelalter die Riten und Rituale umgeformt und gar in ihrer Bedeutung gemindert haben, muß der Autor im wesentlichen offenlassen. Nicht zuletzt dürfte dafür der allgemeine Forschungsstand verantwortlich sein; wie Angenendt nämlich in seinem bedeutenden Buch von 2001 gezeigt hat, wurde das späte Mittelalter in der Liturgiewissenschaft des vorigen Jahrhunderts als eine Zeit des "subjektivistischen Zerfalls" entwertet und demgemäß wenig bearbeitet. Insgesamt läßt der Frühmittelalterhistoriker Angenendt die gesamte Epoche wohl archaischer erscheinen, als sie war.

Trotzdem ist das neue Buch am aufregendsten dort, wo der Autor seinem Ansatz gemäß die Durchschlagskraft uralter religiöser Haltungen und Formen gegenüber der Spiritualität der christlichen Lehre selbst zeigen kann, und zwar oft schon vor dem Mittelalter. Dazu gehört die hohe Bewertung von Heiligkeit, nach Einschätzung der Religionswissenschaft ein allgemeineres Kennzeichen für Religiosität als die Kenntnis von Göttern oder gar eines Gottes. Die Bibel, die "Heilige Schrift", wurde zum Beispiel nicht nur theologisch oder liturgisch verwendet, sondern auch magisch und mantisch, etwa beim Abwehrzauber (nach Klaus Schreiner). Und wenn Jesus selbst die Sakralität von Orten aufgehoben hatte ("Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen"), so kehrte das Mittelalter doch wieder zur Heiligkeit von Ort und Zeit zurück. Manifest wird das etwa bei der Kirchweihe; allerdings bleibt es ein Kennzeichen des Christentums, daß Totengedenken und Heiligenverehrung keineswegs ausschließlich an Gräber gebunden waren, sondern überall vollzogen werden konnten, wo Christen beteten. Die Beachtung heiliger Plätze begünstigte die schon seit der Spätantike wieder durchdringende urreligiöse Praxis der Wallfahrten, sei es ins Heilige Land von Jesu Wirken, sei es zu Märtyrerstätten oder thaumaturgischen Orten.

Eindrucksvoll wird die Nachhaltigkeit archaischer Handlungsformen durch den Gabentausch belegt. Hatte die christliche Lehre darauf bestanden, daß Geben seliger sei als Nehmen, so zählte das Mittelalter wieder nach dem do ut des-Prinzip Gebete und Messen ab, um die Heilswirkung abzuwägen. Auch beim Opfer selbst setzte sich der Gedanke der Gegengabe auf Kosten der rein geistigen Gabe aus Liebe zu Gott durch. Das Bilderverbot, das nach dem Alten auch im Neuen Testament stillschweigend vorausgesetzt wurde, verschwand im Christentum, obgleich nicht ohne Widerstände; schon der Kunsthistoriker Hans Belting hat deshalb treffend von der "Macht der Bilder und der Ohnmacht der Theologen" gesprochen. Und nicht zuletzt konnte die Theologie lange Zeit nicht die Anschauung verbreiten, daß der Sünder nur für die absichtlich-willentliche Tat haftete; statt der "Intentionshaftung", die erst seit dem zwölften Jahrhundert konsequent gefordert wurde, galt bis dahin die "Tathaftung", nach der wie in allen frühzeitlichen Kulturen die auch ungewollt-zufälligen Fehlleistungen mit Buße belegt wurden.

Es sind solche Hinweise auf die vielfältigen Formen der Frömmigkeit in ihren besonderen Kontexten sowie im diachronen Vergleich, die das Buch lesenswert machen. Sein Wert beruht weniger auf einer gesamtgeschichtlichen Durchdringung des Themas als auf der anschaulichen Präsentation vielgestaltigen Materials und in der Aufmerksamkeit des Autors für neue Fragestellungen der Nachbardisziplinen.

MICHAEL BORGOLTE

Arnold Angenendt: "Grundformen der Frömmigkeit im Mittelalter". Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Band 68. R. Oldenbourg Verlag, München 2003. XII, 158 S., br., 19,80 [Euro], geb., 34,80 [Euro].

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